Renes Redekiste

Interviews & Polaroid-Fotografie

2020 – Ein Blick in den Rückspiegel

“Und was wollen wir machen?”
“Wir packen ein paar CD’s ein und fahren durch die Gegend?”
“Das klingt gut!”
2020 – genauso haben wir es gemacht. Die Bahn kommt an und wir finden uns in meinem Auto wieder.
“Verrücktes Jahr, nicht?”
“Verrückt? Ja, auf jeden Fall!”
Ihre CD-Auswahl ist gut: The Police, BabyshamblesDown In Albion, 32nd of December – wie passend! Ich behelfe mich mit einem Greatest Hits von 3 Doors Down, den Libertines & im Zweifel haben wir noch immer das Autoradio. The Police machen den Anfang und und beginnen über ein rotes Licht zu singen, während wir über die Dörfer fahren.
“Hast du was dabei?”
“Klar, etwas Bier, Sekt, Kola.”
“Ach geil! Na, dann erzähl doch mal, wie war dein Jahr? Und nimmst du auch ein Bier?”
“Na klar, eins ist okay!”
Auf gerader Strecke nehme ich das geöffnete Bier in die Hand und schalte in den 4. Gang. Aah, herrlich!
“2020, wie du schon selber sagtest – ein verrücktes Jahr! Aber es gab doch einige schöne Begegnungen. Es ging ganz gut los, das Interview mit Shelter Boy, die Nagelschmidt-Lesung in Lemwerder. Da hättest du mal mitkommen sollen. Das hat wirklich Spaß gemacht! Und nervös war ich wieder. Ui ui ui.”
Ich setze den Blinker, schalte einen Gang runter und biege ab, wir fahren mittlerweile durchs sprichwörtliche Nirgendwo. Selbst auf gerader Strecke sind 70 km/h das Maximum.

“Irgendwie nerven die, kann ich die CD wechseln?”
“Klar, nur zu!”
Es werden die Babyshambles und beschwingt, aber bedacht, brausen wir weiter durch die Gegend.
“Gut, gut, Nagelschmidt, das war ja zu erwarten. Was war noch?”
Gemütlich drossle ich die Geschwindigkeit, lasse das Fenster herunter und lache Richtung Beifahrersitz:
“Riech mal – herrlich! Schön Gülle, der Geruch vom Dorf! Aber um zurück zum Thema zu kommen. Es gab neue Musik von den Strokes, das zweite Album von Tom Allan & The Strangest …”
“Ja, dein Beitrag dazu hatte mir gefallen, da scheint dir viel dran zu liegen.”
“Schon! Und sonst, hm, ach, da kommen wir jetzt zwar nicht längst, aber in Dollern habe ich Fotos von Deep Dyed gemacht. Die Band, in der Aylin spielt. Das war ein wirklich schöner Nachmittag. Obwohl ich da anfangs total verballert war. Doch frische Luft und Bewegung helfen immer!”
“Stimmt, davon hattest du vorher erzählt. Schön, dass das geklappt hat!”

Das finde ich auch, sage aber erstmal nichts. Die Schrottlaube bringt uns von A nach B, wir kommen durch den Ort, an dem ich meine Ausbildung gemacht habe, quatschen über alles, was die Zeit hergibt, und passieren mein Elternhaus, bevor wir auf der B landen, auf der ich etwas Gas geben kann. Die Stille ist schön und nicht unangenehm, bevor sie unterbrochen wird.
“In diesem Jahr habe ich kaum was sehen können. Schade! Was ging denn noch so bei dir?”
Ich bereite mich schon auf die ablehnende Reaktion vor, sage es aber trotzdem:
“Ich war bei Thees Uhlmann. Das war Gold wert. In Lüneburg. Sommer, Sonne, ein Kuss auf die Stirn – mehr geht nicht!”
“Thees …”, schnaubt sie.
“Ja, du magst ihn nicht. Sollst du doch auch gar nicht.”
“Fair enough!”
“Weiß ich doch! Du, ich fahr hier einmal runter. Die Tankanzeige ist kaputt, da tanke ich lieber einmal mehr.”
Dieses miese Drecksauto! Ja, es fährt, bla, bla, bla. Ansonsten ist es die Pest auf vier Rädern. Die erwähnte Tankanzeige. Die Möglichkeit, ein Aquarium hochzuziehen, sobald es regnet, da sich das Wasser in meinem Fußraum sammelt. Anzünden sollte man diese Schleuder! Doch ich zünde sie nicht an, immerhin bin ich nicht alleine unterwegs und somit tanke ich brav, bezahle und klemme mich wieder hinters Steuer.

“Bekommst du was fürs Benzin?”
“Halt’s Maul ey!”
Ich erkenne die Geste an, aber fürs Pfennigfuchsen sind wir auch nicht auf der Welt. Das vergangene Jahr ist in meinen Erzählungen schon fast gelaufen, die Erinnerungen sind verschwommen.

So come away, won’t you come away
We could go to …
Deptford, Catford, Watford, Digberth, Mansfield
Aah anywhere in Albion

Babyshambles – Albion

Quelle: YouTube, Rough Trade Records

“Frith Vogel, der war auch noch! Was für ein Typ! Lädt auf ein Gartenkonzert ein, einfach so. Da steht dann ein Kasten Rotlicht auf dem Rasen und er legt los. Wahnsinn! Das hat mir gefallen! Der Kerl hat Drive! Mit dem würde ich sofort wieder eine Pilsette verhaften. Das war eine richtig gute Sommernacht! Der Rest …, na ja, das fand alles nur noch online statt. Das Interview mit SIND, der Beitrag zum neuen Album von AC/DC. Mein Text anlässlich des 40. Todestages von John Lennon. Es war ein wirklich komisches Jahr. Es lief nicht wie geplant, aber … es war gut! Ich würde es nicht streichen wollen. Denn wenn es 2020 nicht gegeben hätte, dann hätte 2021 auch nicht folgen können. Das ist eine ganz einfache Rechnung. Und vielleicht, mit ganz viel Glück, erfüllt sich deine Vorstellung von einer besseren Gesellschaft nach dem ganzen Mist.”
“Das wäre mal was!”
Die Worte schweben in der Katastrophe eines Wagens, ich schalte um auf Radio und es läuft Rosenstolz. Aua, kann es denn schlimmer kommen? Eine Minute hält sich das peinliche Schweigen, bis ich den Sender wechsle und sage:
“Jetzt reicht es aber auch! Das ist wirklich nur unangenehm.”
“Da hast du Recht.”
“Ausnahmsweise ja. Und weißt du was?”
“Was denn?”
“In diesem Jahr erscheint endlich mein Interview mit Fizzy Blood. Mit allem Drum und Dran!”
“Und wann genau?”
“Das kann ich leider noch nicht sagen, aber was ich dir sagen kann: Frohes neues Jahr!”

Als sie etwas erwidern möchte, steuere ich die Autobahnausfahrt an und ein rotes Licht blendet mich. Fuck me – frohes neues Jahr!

Die erwähnten Beiträge habe ich der besseren Lesbarkeit wegen erst hier unten verlinkt:
Shelter Boy: Rock ‘n’ Lel
Arbeit am Wochenende (Thorsten Nagelschmidt-Lesung)
The New Abnormal? Gedanken zu dem neuen Album der Strokes.
Little Did They Know (Album von Tom Allan & The Strangest)
Deep Dyed – Eine Exkursion
Thees Uhlmann – Ein Kuss auf die Stirn
Frith Vogel in: Learning To Fly
SIND starring in: Vielleicht Ist Es Anders Als Du Denkst
AC/DC: Eine Lektion in Rock ‘n’ Roll
John Lennon: A Journey (Through Time)

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