Renes Redekiste

Interviews & Polaroid-Fotografie

Thees Uhlmann – Ein Kuss auf die Stirn

Es ist Montag. Oder Dienstag? Ach, keine Ahnung! Das Radio läuft in meiner Wohnung. Normales Programm also. Dann plötzlich: Cum On Feel The Noize! We’ll get wild, wild, wild! Und die Vorfreude auf den bevorstehenden Auftritt von Thees Uhlmann steigt ins Unermessliche! Quiet Riot als Einlaufmusik für Thees? Das würde ihm wohl auch gefallen. Ein freches Grinsen, in die Luft erhobene Fäuste, doch, er würde es noch mehr als alle anderen feiern. Die anderen? Na, das Publikum in Lüneburg, die Mitmusikanten, die Leute von der Security, eben all die anderen. Also nochmal: Cum On Feel The Noize! We’re gonna get wild tonight! Rock it tonight!

Quelle: YouTube, QuietRiotVEVO

Und es ist sommer

Es ist soweit. Der erste August ist da und wir sind in Lüneburg. Hier wird schamlos abgetoasted – es ist eine wahre Freude! Der Stint, schöne Lokale in der ganzen Stadt, dicht an dicht buhlen sie um Aufmerksamkeit, wir ziehen vorbei, vorbei am Erotik Shop (sie kaufen an, nur keine Kontaktanzeigen), die Zeit scheint hier seit über 20 Jahren stillzustehen. Eine Raststätte passiert und schon befinden wir uns auf den Sülzwiesen. Lüneburg begeistert heute endlos und der Kultursommer setzt da nahtlos an. Die üblichen Verdächtigen sind bereits auf dem Gelände, es herrscht Festival-Feeling auf Bierbänken. Und um dem ganzen noch einen draufzusetzen, glänzt die Veranstaltung durch einen Gratis-Kuli. Wir können nur noch als Sieger herausgehen!

Es ist klar, das Bier schmeckt und es sind noch 14 Minuten bis zum Beginn der Veranstaltung. Songs & Stories. Ein Pseudo-Amerikaner gibt die Sicherheitsrichtlinien. Was ist denn hier verkehrt? Der Mann mit der heißen Kartoffel im Mund, diese Audiospur und die folgenden Werbespots kommen doch alle direkt aus der Hölle! Aber nun, es ist 19:34 Uhr und Thees betritt endlich die Bühne. Er glänzt mit einem Regierungsbekenntnis, Stand Up-Comedy gibt es heute inklusive. Mit dem “B73-Song” geht es los und so beginnt ein Abend voller Höhepunkte. Darf man eigentlich mitsingen? Wir tun es, Thees tut es, er ist 38 und erzählt Stories von den Monstern, die im Keller seiner Mutter leben. Marmelade aus dem Keller zu holen wurde selten so schön ausgeschmückt! Vor allem sorgt er auch dafür, dass es immer wieder Spaß machen wird, ihn zu zitieren. Aussagen wie: “Weil ich das Abgefuckte liebe”, “Ein bisschen Wein in die Fresse, wird ein schöner Abend”, oder auch “Ein Affe könnte das spielen. Aber der Affe ist nicht drauf gekommen. So ist das bei der Kunst” holen ab. Zwischen solchen Weisheiten wird musiziert. Jay-Z gibt sich die Ehre. Die Zukunft gilt zudem als ungeschrieben, aus diesem Grund nehme ich meine Kamera in die Hand, lege den Mundschutz wieder an und stehle mich in den Fotograben. Souverän, ohne jede Hektik. Position eingenommen, den Ablöser drücken, das Foto herausziehen, es und mich umdrehen, eiliger Rückzug zur Zapfstelle. Daumen drücken und neues Bier besorgen.

TheesUhlmannLueneburg

Thees Uhlmann endlich wieder live.

Zurück an Tisch Nummer 180 (die Nummer habe ich zweimal notiert, sie schien mir sehr wichtig zu sein) kristallisiert sich immer mehr heraus, dass der Satz des Abends “Es ist genial” lautet! Thees ist in Höchstform, er mimt sogar den Endboss von Marteria, bevor das Danke für die Angst-Trio uns nach Hannover entführt. Es gibt eine Erinnerung von einer mit Element of Crime bestrittenen Tour, eine echte Tomte-Geschichte! Von der Story zum Song: Ich sang die ganze Zeit von dir
Was für ein Lied! Wo habe ich den schon überall gehört? In der Buxtehuder Garage, mit voller Inbrunst mitgesungen, im Rose Club in Köln, verwundert, Tomte wird hier gespielt? Eine ganz andere Zeit. Das Programm des heutigen Abends gleicht einer Schachtel Pralinen.

Der lokale eisverkäufer

Die Band verlässt die Bühne und Thees beginnt vorzulesen. Und zwar aus seinem Mini-Schmöker über Die Toten Hosen, ich muss zugeben, diese Lektüre gilt es noch nachzuholen. Aber hey, so wird es zumindest nicht langweilig! Er hat sich ein schönes Kapitel ausgesucht, Thees und die Hosen in England. Das klingt einfach fein. So wie alles, wovon der Wahl-Berliner heute erzählt. Die Geschichte rund um die Badewanne und Spotify, der ganz typische Uhlmann-Quatsch. Dieser Mann wurde fürs Labern geschaffen. Das Mädchen von Kasse 2 nimmt uns in den Arm und in Gedanken sinniere ich über die Gesamtsituation dieses Abends. Corona, Abstand, Masken. Ja, es ist scheiße. Für uns alle. Aber es geht wieder los. Und das ist gut. Das ist geil! Hört auf es schlecht zu reden. Steht uns allen eine Maske nicht viel besser als ein Aluhut? Just sind diese Gedanken gedacht, da macht Thees eine ähnliche Ansage. Ja man, richtig so!

Der Mann mit Dreitagebart musiziert weiter, Avicii. Er blickt in die Kommentarspalte bei YouTube. Es wird gelacht, es wird geklatscht – die Menge ist heiß! Er ist der Typ mit dem Fischlied! Wie kann man nur so sympathisch solchen Quatsch verzapfen? Und selbst ein Kettcar-Cover schafft es auf die Setlist. 48 Stunden. Wie schön es doch wäre, wenn wir heute Abend genauso viel Zeit hätten. Es ist einer der besten Abende mit Thees Uhlmann. Fronztek, Maier und er bringen etwas so ehrliches und schönes auf die Bühne, es ist kaum auszuhalten! Es ist kaum auszuhalten am Tisch Nummer 180, der Dreitagebart auf der Bühne, Lichterketten um das Gelände. Warm ist es. Sommer in Lüneburg. Keiner friert hier. Das hoffe ich zumindest. Denn wir sind Zunder. Wir wollen brennen! Fingers crossed für ein sicheres 2021. Natürlich auch noch für dieses Jahr. Um es wie Thees zu sagen: Peace out!

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