Renes Redekiste

Interviews & Polaroid-Fotografie

Won’t Forget These (Peter Doherty) Days

Nachdem bereits zwei Texte zum Thema Peter Doherty in Hamburg pünktlich zum Jahrestag von mir veröffentlicht wurden, sind die folgenden Texte, zwei waren geplant, nie Realität geworden. Ein hastig hingerotzter Entwurf schaffte es mit einem Tag Verzug, doch fehlte dort definitiv der Drive, das gewisse Feeling. Also entschloss ich mich dazu, diesen in den digitalen Papierkorb zu befördern. Der Kaffee, den ich beim Schreiben dieser Zeile trinke, schmeckt gut, die Sonne scheint im Garten, es ist warm und Sommer! Vor über sieben Jahren war es für die Monate April und Mai auch bereits ziemlich warm, nur trank ich damals noch keinen Kaffee und ich saß auch nicht im Garten. Zumindest nicht an den Abenden, an denen es verschiedene Protagonisten und mich in das verwunschene Nachtlokal mit Namen Golem zog.

Über diesen Freitag, den 25. April, wurde sogar im Kultur Spiegel berichtet. Unaufgeregt, ohne Sensationsgeilheit, ein aufrichtiges Zeitdokument, welches aufzeigte, wo Peter Doherty sich gerade befand. Ganz unten? Auf dem Weg zu sich selbst? Zumindest gnadenlos ehrlich und offen im Umgang mit seiner Situation. Die Baustelle Hamburg Demonstrations war auch bereits im Gange (das zweite Soloalbum des Musikers, welches in den Hamburger Clouds Hill-Studios entstand).

Quelle: YouTube, Clouds Hill Group

Peter Doherty in Aktion

Im krassen Gegensatz zur erwähnten unaufgeregten Berichterstattung das Erscheinungsbild Dohertys. Eher ein gefundenes Fressen für die Boulevardpresse. Wenn ich meine Festplatte anschließe und nach Bildern von damals suche, werde ich auch tatsächlich fündig. Das ist für mich eigentlich keine Überraschung, da ich mich an diese Fotos noch gut erinnere. Sie hatten also ebenso den Weg in mein Archiv gefunden. Ein paar Bilder, die ich damals mit einer billigen Digitalkamera geschossen habe. Ein Plek, das ich an diesem Abend Doherty zum Spielen geliehen hatte, welches er verschusselte. Ich glaube, ich hatte es auf dem Fußboden wiedergefunden und nun fristet es irgendwo in meinem Geraffel sein Dasein. Es gibt Videos auf YouTube, die beweisen, dass auch an diesem Abend eine bunte Auswahl an Songs präsentiert wurde. Eigene Songs, wie La Belle et la Bête, aber hatte auch dieses Cover seinen Weg ins Repertoire geschafft: (There’s) Always Something There To Remind Me. Der Abend, der durch einen verschütteten Drink sein jähes Ende fand – er scheint bestens dokumentiert.

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Doch was ist mit dem letzten Abend im Mai? Alle waren sie dabei, Freundin, ehemalige Freundin, Locke, Mitbewohner & Anhang, Joshi und die zwei Menschen, die ich damals im Grüner Jäger kennengelernt hatte.

Was it so long ago?
When you said you love me so.

Peter Doherty – Sweet By And By

Unsere Truppe war groß – doch es gibt kaum Bildmaterial. Locke kann zumindest, auf mein Nachfragen, mit ein paar Handyaufnahmen aushelfen. Eigentlich wollte ich ihn in den Schreibprozess miteinbinden, doch das Konzept fällt, bevor es überhaupt stehen kann. Aber ich merke, diese Erinnerung will niedergeschrieben werden, solange noch irgendetwas davon greifbar ist. Es war ein schöner Tag, warm, wie ihr bereits wisst. Und durch Glück, oder waren es “freigehaltene Plätze” in der Schlange (ein eigentlich ekelhafter Move), fanden wir uns also im Golem wieder. Mittlerweile waren die Konzerte des englischen Troubadors nämlich kein Geheimtipp. Gab es doch damals solche Schlagzeilen in der Presse “Acht Euro Eintritt: Pete Doherty: Spontan-Konzerte in Hamburger Klubs“. Jedem Konzert war zudem für einen Euro weniger als beim letzten Mal beizuwohnen.

An diesem Abend sollte er nicht so schnell auftauchen, denn er wagte wieder mal ein Experiment. Sein liebstes Experiment, nämlich die Leute warten zu lassen. Er hatte sich ausgesperrt? Oder war das bei dem Konzert zuvor der Fall gewesen? Aus diesem Grund fasste ich einen Entschluss, der in seiner jugendlichen Beschränktheit nicht zu toppen war: “Entweder trinke ich gar nichts, oder ich trinke, bis er auf die Bühne kommt.” Wow, ja, das muss man erstmal sacken lassen. Damals fand ich das wohl ziemlich gescheit. Doch diese Nacht fand ein gesegneteres Ende als das Peter Doherty-Konzert im Jahr 2017, somit lag ich damals wohl nicht allzu falsch mit meiner Entscheidung.

Aber ja, es waren einige Gin Tonic später, als Pete endlich die Bühne des Golem betrat. Und meine Mitsingstimme bei Arcady war bestimmt nicht eine der leiseren. Diesen Song als Opener, es war perfekt! Und genau das ist musikalisch meine einzige Erinnerung an diesen Abend. Alles andere überlagert und lässt somit, was den musikalischen Aspekt des Konzertes angeht, einige Lücken zu. Verrückt, dass es Dinge gibt, die nur mit Hilfe von Erinnerungen rekonstruiert werden können. Und so entstehen sie, die Lücken in Erzählungen, die durch Hinzudichten, Raten oder andere Möglichkeiten geschlossen werden. Finden sich keine Wege, die Lücken zu schließen, verschwindet das Vergangene und wird nur mit Glück durch bestimmte Reize wieder zu Tage gefördert. Da ich hier nichts erfinden will, bleiben die Informationen spärlich: Es wurde spät und wir waren erst Stunden nach dem Konzert zurück im Bett. Eine Odysee. Doch ging es nicht eigentlich um Peter Doherty?

Im Golem

Schon, doch geht es auch um die Vergangenheit, die Zeit in der es das Golem noch gab. Das Golem, der, die oder das? Es ist wie mit dieser Schokocreme, wie sagt man es nur richtig? Der Name fiel bereits des öfteres, zwangsläuftig, doch habe ich es bisher versäumt, euch das Innere zumindest im Ansatz begreifbar zu machen. Das Golem also, der Schauplatz der drei Abende im Jahr 2014. Der Laden ist mittlerweile schon lange geschlossen und auch hier sind die Erinnerungen dunkel. Deshalb mache ich es nun wie andere auch und entwerfe euch ein Bild, die Lücken mit Fantasie gefüllt, zumindest geschieht das Ganze ohne Garantie auf Richtigkeit.

Wer also an einem der Abende durch den Eingang des Golems trat, wechselte vom Hellen schlagartig in eine gedimmte Atmosphäre. Die Stufen, die es nach dem Eintreten zu erklimmen galt, waren breit und ausladend, keine gefährlich enge oder gar steile Treppe. Das Erste, was man nach dem Aufstieg sah, war die ausladende Bar, die schummrig beleuchtet, die gesamte Wand einnahm. Die Flaschen an der Wand, das weiche Licht, welches die ganzen Spirituosen in Szene setze. Eine Barszene wie im Film.

Das Golem beschrieb ein U, welches auf dem Kopf stehend, am Fuß der Treppe begann, das seine erste Kurve an der Bar platzierte und mit einer kleinen Delle in der zweiten Biegung zwischen Bar und Bühne, Richtung Endausläufer, dem Lesezimmer, endete. Der Begriff Lesezimmer ist ein Kompromiss meinerseits, da die Bücherwand zur Linken, also schräg gegenüber der Bühne, nicht für die Bezeichnung Bibliothek ausreichte. Doch war es ein Bereich, der an ein großes, heimeliges, vielleicht auch etwas aus der Zeit gefallenes Wohnzimmer erinnerte. Und auch die Bücherwand versetzte uns in wieder cineastische Begebenheiten, da diese Peter an einem Abend als Fluchtweg diente, die Meute einfach vor dem sich schließenden Bücherregal zurückgelassen.

Was bleibt …

Wer kennt sie nicht, diese Begebenheiten, bei denen man so gerne dabeigewesen wäre? Strokes in ihrer Anfangszeit in New York City, Amy Winehouse, The Libertines in Pubs, kleinen Kaschemmen. Oder andere mittlerweile große Bands, die sich noch ganz klein im alten Molotow ihre Sporen verdient haben? Doch dieses Mal, die Zeit, in der Peter Doherty in Hamburg Musik aufnahm und Guerilla-Gigs spielte, für die man am Schluss nur noch acht Euro Eintritt zahlte, wir waren dabei. Auch wenn sich die Verbindungen dieser damaligen Truppe gelöst, gelockert oder aber auch gefestigt haben, jede dieser Personen war dabei. Und das wird uns auf der Ebene der Erinnerung immer verbinden.

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