Renes Redekiste

Interviews & Polaroid-Fotografie

Tristan Brusch: Kennenlernen statt live im Konzert

Das erste Interview des Jahres 2022. Qualität statt Quantität. Dieses Mal hat sich Tristan Brusch mit seinem Album Am Rest in meinen Kopf gebrannt und dockt damit an die Erinnerung vom letzten Jahr an – Zwei Wunder am Tag live. Das Album läuft rauf und runter, es ist der Soundtrack für diverse Momente – in der dunklen Kälte auf die S-Bahn warten, mitsingend durch die Wohnung spazieren und somit kristallisieren sich mit der Zeit einige Favoriten heraus. Diese zu benennen wäre falsch, da die Platte doch als großes Gesamtkunstwerk verstanden werden sollte. Eine schöne Erinnerung: Kerzenschein erhellt meine Küche, wieder mal werden die Songs gespielt, doch ich muss den Genuss stoppen, also puste ich die Kerze aus und ein letztes Mal ertönt es: So weit weg.

Und so kommt es, dass wir uns Ende Januar in Berlin auf einen Kaffee treffen. Dieser wärmt von innen, es ist verregnet und auch irgendwie kalt. Ein Heizstrahler wärmt uns von außen und wir starten das Gespräch.

Dein Album Am Rest, eine persönliche Momentaufnahme oder bist du auch ein aufmerksamer Beobachter?
Tristan:
Beides ein bisschen. Ich glaube, ich werde immer mehr zum Beobachter. Als ganz junger Mann haben mich, glaube ich, andere Sachen interessiert. Aber generell ist das ein Teil meiner Persönlichkeit, mir Sachen anzugucken. Zu versuchen, sie zu durchschauen.

Im Gespräch mit Sounds & Books hast du gesagt, dass sich dein Album von den Resten der Erinnerung, von Resten, die von der Liebe übrig bleiben, ernährt.
Hast du gar keine Angst davor, dich an diese vergangenen Orte zu begeben?
Tristan: Nee, wieso? Das ist ja passiert und Teil meiner Menschwerdung. Wie ein Spiegel meiner Seelenreise. Das macht mich zu dem, wer ich bin. Und damit komme ich gut klar.
Was Liebesdinge angeht, das kann ja auch schmerzhaft sein.
Aber damit kannst du umgehen?
Tristan:
Gerade Schmerz ist ja ein großer Themenkomplex auf dem Album. Ich habe keine Angst davor mich da reinzubegeben, weil man muss eigentlich durch den Schmerz durch, um am Ende woanders hinzukommen – wo man am Ende besser für sich selbst dasteht. Für mich funktioniert das nicht, indem man das wegschiebt. Sondern für mich funktioniert das besser, wenn man durchgeht. Und dann am Ende woanders ist.

Das Album auf Vinyl, die dazugehörige Tournee, all das musstest du verschieben. Du und Am Rest – ihr hattet keinen leichten Start!
Was wünschst du dir für dein Album?
Tristan: Was schön wäre, wenn es ausverkauft wäre, bevor es da ist. Es ist auch jetzt kurz davor. Für das Album habe ich einen Webshop eingerichtet und bewerbe den nur über mein Instagram. Denn das wird es auch nicht im Laden zu kaufen geben. Insofern hat es natürlich einen ein bisschen stolprigen Start, weil es in der Pandemie herausgekommen ist. Aber im Bereich dessen, was so möglich ist – was es für Musik ist, das ist ja keine unbedingt massenkompatible Musik, insofern finde ich, dass es eigentlich einen ganz guten Start hat.

Quelle: YouTube, TRISTAN BRUSCH

Lieder von der Liebe und ebendiese

Die Liebe ist ein immer wiederkehrendes Element auf deiner Platte. In 2006 singst du folgende Zeilen: “2006 haben wir uns geküsst, haben wir noch lang nicht gewusst, was wirklich wichtig ist …”
Hat sich dein Verständnis von der Liebe mit der Zeit gewandelt?
Tristan: Auf jeden Fall, voll! Früher habe ich das eher wie so einen Zustand gesehen. Ein glücklicher Zustand, in dem man sich einfach losgelöst fühlt, von allem was scheiße ist. Und jetzt, durch die ganzen Sachen, die ich erlebt habe, empfinde ich das eher als eine Fähigkeit. Dass man auf Dauer Dinge einfach immer wieder aus der Perspektive sehen kann, wie die andere Person wirklich ist, und wie man selbst wirklich ist. Und dass man das akzeptieren kann. Und lieben kann. Das ist für mich eine Liebesfähigkeit. Und gar nicht so sehr dieser euphorische Endorphinrausch, auf dem man da irgendwie am Anfang der Verliebtheit so reitet.
Hat das dann etwas von bedingungsloser Liebe?
Tristan (etwas zögernd): Ja, ja, auf eine Art natürlich schon. Wenn man so sagt, Befreiung vom Ego oder bedingungslose Liebe, das kriegt dann schnell so einen Anstrich, der nicht praktikabel ist im echten Leben. Das halte ich auch nicht für einen erstrebenswerten Zustand. Das fühlt sich dann so dissoziiert von der echten Welt an und ich glaube, das sind wir alle eigentlich nicht. Es gibt dann natürlich so Momente, wo man sagt: “Okay, das ist jetzt gerade wirklich scheiße, aber ich kann trotzdem lieben.” Und das ist dann natürlich ein Moment der bedingungslosen Liebe und das finde ich wunderschön. Das ist für die eigene Lebensqualität einfach wahnsinnig geil! Wenn man sowas kann, wenn man bemerkt, okay, ich kann das jetzt gerade.

Aber zu sagen, ich liebe die und die Person bedingungslos … Das klingt auch schnell wie ein Zwang oder wie irgendein Dogma, was nicht so förderlich ist, für die beiden. Es gibt natürlich auch bedingungslose Liebe. Wie Liebe von Eltern zu ihren Kindern. Das kommt nah dran. Aber das ist meistens nicht die Liebe, über die ich da gesungen habe. Wobei, auch!

In Einer liebt immer mehr gibst du auch eine Art von Antwort auf die vorangegangene Frage. Dazu gibt es ein wirklich schönes Video!
Tristan:
Danke, das hat meine Exfreundin mitgemacht. Wir waren da zusammen in Italien unterwegs. Sie ist Fotografin, Steffi Rettinger heißt sie. Und die macht auch voll viel Bandfotografie. Ich habe damals Gitarre auf dem Album einer Freundin von mir gespielt, die auch Musikerin ist – Johanna Amelie. Steffi hatte das auch dokumentarisch begleitet und dann haben wir quasi noch ein paar Tage Urlaub vorweggehängt.

Pandemiebedingt war das dieses Mal ein richtiger Abfuck ein Musikvideo zu machen. Das habe ich noch nie erlebt, dass ich Leute angefragt habe und dann haben die einfach keine Zeit. Oder haben gesagt: “Ja, sorry, aber wir müssen jetzt gerade Geldjobs machen, weil es läuft nicht so gut gerade.”

Das war ich nicht gewohnt. Bis jetzt war es immer so, wenn ich jemanden gefragt habe, dass alle immer Bock darauf hatten – ein Musikvideo zu machen. Auch Produktionsfirmen sehen das als willkommene Abwechslung zu Werbejobs, die die Firma über Wasser halten. Die haben generell eigentlich immer Bock, auch für quasi sehr wenig Geld, was zu machen, was irgendwie ein bisschen Spaß macht. Aber dieses Mal war es einfach so, dass ich sehr viele Leute gefragt habe und die immer gesagt haben: “Nee sorry, das passt nicht” oder “Es tut uns leid.” Und die Veröffentlichung von diesem Lied rückte immer näher. Wir haben es sogar verschoben, denn wir hatten kein Video. Dann haben wir uns gedacht, wir machen jetzt eine ganz einfache Idee und machen innerhalb von zwei Tagen schnell ein Video. Mit ziemlich viel Fleiß ihrerseits ist dann dieses kleine Video entstanden. Ich finde es auch richtig schön.

Quelle: YouTube, TRISTAN BRUSCH

Und plötzlich – Endstation Liebe. Love is all you need?
Tristan (lacht): Ja, schon! Also ist auf jeden Fall alles viel leichter zu ertragen, ne?

Beatles und Betterov

Um das Beatles-Zitat zu nutzen:
Get Back, die restaurierte Studiodokumentation – hast du das gebraucht?
Tristan: Ob ich es gebraucht habe?
Na ja, macht dich das an, findest du das interessant oder sagst: “Boah, nee, komm, das ist irgendwie 100 Jahre her …”
Tristan: Nee, also ich habe schon richtig viel Beatles gehört und fand es auch interessant. Ich habe es nicht, wie viele, so komplett gesuchtet, habe es auch nicht zu Ende geguckt, aber ich fand es schon geil! Ich fand das sehr stimmungsvoll und auch mega interessant, wie man da plötzlich so hautnah beim Bandausstieg von George Harrison mit dabei ist. Und auch alle Leute, die mal in einer Band gespielt haben, finden da Situationen wieder, die man einfach kennt. Und das ist irgendwie auch witzig, dass die größte Band der Welt einfach genau die gleichen Dynamiken erlebt hat, wie die kleinste Schülerband im Proberaum eines Jugendzentrums. Da passieren genau die gleichen Sachen.

Man kennt halt die Lieder und denkt so: “Häh? Das klang irgendwie geiler auf der Aufnahme.” Dass das wirklich innerhalb von ein paar Tagen entsteht, was da dann tatsächlich entstanden ist, ist natürlich unfassbare Magie. Und wo das herkommt, ich fand es schon interessant. Aber ich fand es auch lang. Und man muss sich so richtig Raum dafür schaffen, den hatte ich irgendwie in letzter Zeit nicht. Aber was ich geil fand, ist dieses McCartney 3, 2, 1. Das ist Paul McCartney mit Rick Rubin zusammen. Das ist irgendwie noch komprimierter und hat mir noch besser gefallen.

Die Idee ist, dass die an so einem Mischpult stehen und sie haben die Original-Aufnahmen, auch die einzelnen Tonspuren im Original. Rick Rubin stand dann immer so an den Reglern und hat gesagt: “Ok, jetzt mache ich mal nur den Bass an.” Und dann hört man, wie nur der Bass klingt, von Maxwell’s Silver Hammer, wo ich immer gedacht habe, es wäre eine Tuba und dann ist es aber Paul McCartneys Bass. So richtig nerdig. Dann reden die darüber und Rick Rubin funktioniert gleichzeitig wie der Interviewer. Paul McCartney redet und hört die Sachen selber auch wieder zum ersten Mal separiert. Ist ein richtig geiles Format, immer so eine halbe Stunde lang. Es gibt ein paar Folgen und das ist glaube ich auch auf Disney+.

Zudem habe ich diese Anthology wirklich viel gehört. Das war meine Musikfibel, als ich angefangen habe, selber Lieder zu schreiben. Und ich fand es immer noch krass inspirierend, was für eine Leichtigkeit man vermittelt bekommt, bei so ganz komplexen Liedern, wie A Day In The Life oder Happiness Is A Warm Gun – was sich innerhalb von zweieinhalb Minuten anfühlt wie ein Epos. Und dann merkst du aber, gegenübergestellt sind da ganz einfache Ideen, vier Akkorde, ein witziger Satz, fertig, das ist das Lied. Dieses unprätentiöse finde ich immer noch krass inspirierend von den Beatles.

TristanBruschSitzend

Du hast deinen Kumpel Betterov bei seiner wunderschönen Dussmann Session unterstützt. Auch Gott taucht im Song Dussmann auf. Thema Gott, Glauben. Tristan, an was glaubst du?
Tristan (räuspert sich): Ich hatte sogar eine Phase, in der richtig gläubig war. Das war kurz bevor meine erste EP, die Fisch EP, rausgekommen ist. Da hatte ich sowas in der Art wie ein spirituelles Erwachungserlebnis. Es hat sich ein Schalter in mir umgelegt und ich war zack … Es war keine Frage mehr für mich, sondern, okay, es gibt Gott, wir sind alle miteinander verbunden und so ist es einfach. Es war wie so eine ganz, ganz tiefe Gewissheit und es hat mich ein halbes Jahr lang begleitet. Und ich muss sagen, es war eine sehr, sehr glückliche Zeit. Und ich kann seitdem total verstehen, warum das, die Institution Religion, noch instituierter die Kirche, den Leuten so viel bedeutet.

Das habe ich vorher einfach nur gehasst. Alles was mit Gemeinde, Cliquen, Gruppen und so zu tun hat, da kann ich auch noch immer nichts mit anfangen. Aber ich kann mittlerweile zumindest verstehen, wo diese Heimat ist, was das den Leuten bedeutet – Gott. Und warum das für so viele Leute so ein sinnstiftendes Element ist. Bei mir hat sich das so zerfranst, irgendwann habe ich dann doch nicht mehr so geglaubt, oder bin dann aus diesem Zustand rausgefallen. Dann habe ich wieder angefangen zu zweifeln und inzwischen würde ich sagen, ich weiß nicht, was das damals war.

Ich könnte dir nicht sagen, ob ich jetzt wirklich gläubig bin. Irgendwie bin ich es schon, aber tatsächlich, im täglichen, praktizierenden Leben, auf jeden Fall nicht. Ich kann es dir nicht sagen, aber ich finde es auf jeden Fall ein wahnsinnig anregendes und inspirierendes Thema, was mich einfach immer wieder fasziniert.

Der grundsätzliche Wunsch nach, dass da mehr ist, als das. was wir so machen. Dass das irgendeinen Sinn hat, was wir hier alle veranstalten. Dass es das nicht nur gewesen sein kann, dass man hier ein bisschen Wohlstand anhäuft und das an seine Kinder weitergibt. Das ist uns ja allen gemein, dass man so eine Sehsucht nach dem Mehr hat und die sich oft in einer Sehnsucht nach ‘nem Transzendenten äußert.

Wenn ich sagen würde, ja, ich glaube Gott gibt es und es ist ein ganz wichtiger Teil unseres Lebens, dann würde ich irgendwie lügen. Aber ich könnte auch nicht das Gegenteil sagen.

Das erste Mal Tristan Brusch und dann auch noch live, das war für mich im letzten Jahr bei den Knust Acoustics.
Tristan: Ah, in Hamburg, warst du auf dem Lattenplatz?
Genau, als du mit dem Rad gekommen bist.
Zwei Wunder am Tag, Fressfotze, wie bist du auf diese Wortschöpfung gekommen?

Tristan: Das war im Orsons-Tourbus. Auf Tour ist man ja sehr schnell in so einem Tourkoller. Das dauert nicht lange, dann verselbstständigt sich so eine Sprache und man ist in so einem geschützten Raum von den Leuten, mit denen man auf Tour ist. Und man wird sofort ganz schön balla-balla und hat mit der echten Welt nichts mehr zu tun. Es entwickelt sich schnell so ein bestimmter Humor und eine ganz bestimmte Sprache. Und das Wort kommt aus diesem Tourkosmos. Nach der Show ist man wieder im Nightliner, ist unterwegs zur nächsten Stadt, man hat schon ziemlich lange getrunken an dem Tag und dann kriegt man nochmal so ‘nen Kohldampf und dann: “Boah, jetzt schnell noch irgendwie was fressen, einfach schnell in die Fressfotze rein.”

Jetzt ohne viele Worte meinerseits.
So weit weg – was ist der Schlüssel zum Unglücklichsein?
Tristan: Keine Ahnung, so eine richtige Antwort geben …, das steht Leuten meistens nicht so gut, wenn man eine Antwort auf irgendwas gibt. Ich finde die Frage eigentlich interessanter. Aber ich kann auf jeden Fall sagen, dass das in meinem Leben oft so funktioniert, wenn ich etwas zu sehr versuche, dass es dann nicht klappt. Das ist wie ein Garant, wenn ich etwas sehr stark will und sehr stark auf etwas hinarbeite, dass das nichts wird. Sondern, dass mich das auch sehr unglücklich machen kann.

TristanBruschGehend

Glücklich hat mich gemacht, dass dieses schöne Gespräch stattgefunden hat. Dass es mich wieder nach Berlin verschlagen hat und ich im Zuge meiner Rechere zum Interview auf Betterov gestoßen bin. Das Gespräch mit ihm gibt es dann am 20. März in der Redekiste zu finden. Polaroid Nummer Drei ist übrigens auch das Cover für eine kleine Spotify-Playlist zum Interview. Danke für eure Aufmerksamkeit. Und danke Tristan Brusch.

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