Renes Redekiste

Interviews & Polaroid-Fotografie

Das Rheine Vergnügen

Eben noch im Phoenix Center und jetzt in Paris!

Das ist der Name meiner neuen Beitragsreihe, die mit Geschichten aufwartet, die erzählenswert sind, aber nicht unter das Thema Interview fallen. Zudem sind diese nur temporär online, meist weise ich auf den Zeitraum hin und ob sie dann noch einmal den Weg auf die Seite finden, das überlasse ich dem Zufall!

Ich starte heute mit der Fahrt nach Rheine, als es zu der Lesung von Der Abfall Der Herzen ging. Das Buch spielt in Rheine, Sommer 1999 und Thorsten Nagelschmidt erinnert sich hier an den letzten “richtigen” Sommer. Jeder weiß, was damit gemeint ist, jeder hat doch dieses Jahr, in dem es noch einmal richtig geil war. Alle dabei, jung und zumeist realisiert man dieses Gefühl erst, wenn es vorbei ist. Also geht es in die Heimat des Autors Nagelschmidt. Dieser ist auch bekannt als Nagel, Sänger bei Muff Potter, die gerade eine Reunion feiern, zudem Autor von Wo Die Wilden Maden Graben und Was Kostet Die Welt (ohne Fragezeichen).

Es ist früh. Zu früh, halb 9. An einem Samstag. Eigentlich eher spät, oder sogar genau richtig. Aber nicht, wenn man erst anderthalb Stunden davor durchgefeiert ins Bett gefallen ist.

Ein Rückblick: Geplant war nur ein Interview am Freitag Abend. Im Pub. Von Donnerstag auf Freitag den Wechsel von der Spät auf die Frühschicht genossen. Kaum Schlaf, ein Nickerchen im Sitzsack, bevor es zum Interview mit Cold Years geht (hier nachzulesen). Das Gespräch verläuft gut, aber ich fühle mich scheiße, überhaupt nicht fit, da hilft nur eins. Bier vor dem Konzert, während des Konzertes. Es ist genau die richtige Menge an Alkohol, als auf einmal das Angebot im Raum steht, mit der Band auf die Reeperbahn ins Molotow zu fahren. Ich winde mich, wehre mich, die Vernunft versucht mich ins Bett zu bekommen, Schlaf zu stehlen, fit für die Reise nach Rheine zu sein. Keine Chance, fünf Minuten später sitzen wir mit der Band im Van und fahren Richtung Reeperbahn. Es gibt Bier, laute Musik, Räucherstäbchen vernebeln den Van, die komplette Fahrt ist eine wilde Party und es fühlt sich verdammt nochmal richtig an! Wir kommen an: Reeperbahn, Bandquartier, Bankautomat, Molotow, totale Eskalation! Cut für den Leser. Um viertel nach 5 nehme ich die S-Bahn zurück nach Buxtehude und falle um 7 Uhr ins Bett.

Zurück im jetzt: Ich stehe unter der Dusche, bis dieses eklige “total verballert”-Gefühl ein wenig von mir weicht, packe meine Sachen (wieso habe ich das nicht bereits gestern Abend getan?) und lasse mich zum Startpunkt unserer Reise befördern. Dort angekommen, mache ich es mir auf dem Beifahrersitz des Autos einer guten Freundin gemütlich, mit der es heute losgeht. Erwähnenswert, es gibt eine Sitzheizung! Herrlich unnötig, trotzdem geil! Vor allem in diesem Zustand. Und so treiben die Kilometer dahin, ich schwebe noch immer auf einer angenehmen Wolke namens Restpegel, als ich nach gar nicht so viel Strecke einen Zwischenstopp bei einem örtlichen Getränkehändler einfordere. Es ist nämlich nicht einmal Wasser an Bord! Wir stoppen, sie trinkt Kola, ich Bier. Eine Flasche Wasser schafft es aber trotzdem vernünftigerweise in meinen Besitz. Was als nächstes passiert? Schnell erzählt, bis Rheine läuft die Fahrt wie folgt: Bier trinken, schlafen. Kurz wach sein, Wasser trinken, reden, Wasser trinken. Schlafen. Das Bier kickt, der Pegel wird angenehm gehalten, ein paar Instagram-Spielereien, ein bisschen Blödsinn sabbeln. Wieder schlafen. Irgendwann ist es endlich soweit: Wir erreichen Rheine.

Ich kann mich selber nicht davon abhalten eine La-Ola-Welle beim Überqueren der Stadtgrenze loszulassen. Die Erwartungen sind hoch und wie wir bald feststellen werden, sind Erwartungen und die Realität zwei gänzlich verschiedene paar Schuhe. Was ich mir vorgestellt habe? Tja, wie definiert man das? Es wirkt alles wie in meiner Heimatstadt, bis wir die Jugendherberge erreichen. Schick, ruhig, mehr braucht es nicht. Ich erbitte mir 20 Minuten Schlaf, bis wir uns auf den Weg machen, um Rheine zu erkunden und Schauplätze aus dem Buch zu besuchen. Wir holen uns also kaltes Bier aus dem Supermarkt und los geht es! Um zu erkennen, dass sonst nicht viel los ist, in der Stadt der Herzen. Hier machen auf einem Samstag die meisten Läden bereits um 13 Uhr zu, an sowas kann ich mich nur noch dunkel erinnern. Es ist alles etwas seltsam. Also besuchen wir den Schauplatz, den wir definitiv sehen müssen: Die Berninghoffallee. Was ist hier alles im Buch passiert?! DIE WG!!! Hier gibt es die erste wirklich krasse Ernüchterung. In meiner Vorstellung spielte sich das ganze in einer Altstadt, mitten im Zentrum ab. Weit entfernt davon tun mir die Füße weh und wir kommen aus dem Staunen gar nicht heraus. So ist/war das also! Leidend geht es zurück in die Stadt, wo wir uns bei einem Asia-Schuppen im Einkaufszentrum eine schnelle Mahlzeit gönnen (selten so günstig und schlecht gespeist, das muss hier gesagt werden) und von dort aus geht es, nun zumindest gestärkt, zurück in die Jugendherberge. Ich brauche wieder eine Schlafpause. Wir hören etwas Muff Potter und ein wenig Abfall. Erneut gibt es Alkohol, eine Flasche Wein findet den Weg in unsere Hälser. Ich frage mich, ob ich an diesem Tag überhaupt nüchtern war. Und schon ist es soweit, Aufbrauchstimmung. Nagel liest, Thorsten Nagelschmidt, live in Rheine, der Hype steigt! Auf zur Stadthalle, ja, die aus dem Buch, Jacken abgeben (keine Gebühr, nur Spende, Rheine, du geile Sau!), an die Bar, Wein in Beschlag genommen und schon geht es los. Der Bürgermeister von Rheine macht den Start und mich beschleicht die ehrliche Panik, dass das peinlich werden könnte. Wieder jemand, der wirklich null Ahnung hat? Nein, dieser Mann scheint informiert, er weiß, dass Rheine in diesem Buch nicht zur schönsten Stadt der Welt gekürt wird und als er mit einem Augenzwinkern den “I <3 Rheine"-Jutebeutel überreicht, ich werte das mal als Friedensangebot, ist die Begeisterung groß. Da auch Nagelschmidt bei der Lesung nicht zu weit ins Buch springt, um niemandem etwas vorweg zu nehmen, mag ich hier auch nicht ins Detail gehen. Nur soviel. Es gibt tolle Anekdoten, die sich am Wegesrand ereignet haben und das ganze Publikum (einige Protagonisten des Buches eingeschlossen) lacht herzlich über die Geschichten. Denn, Heimspiel, sowas ist und bleibt immer was besonderes! In der Pause besorgen wir uns noch einmal Nachschub und schon ist das ganze wieder vorbei. Was schön und noch erwähnenswert ist. Es gibt eine Box, in welcher man in der Pause seine Fragen an den Autor loswerden kann. Faszinierend, wie viel Sex Thorsten Nagelschmidt ausstrahlt, denn es hagelt einige Angebote per Zettel. Bleibt die Frage, ob die Anonymität die Leute mutig macht? Und ja, genau, die Lesung war dann also nach reichlich ehrlichem Applaus vorbei. Zum Glück gibt es noch zwei Bonbons. Nach der Lesung wird signiert (danke!) und danach geht es zur Aftershowparty in die Trinkhalle! Wir steigen auf Bier um, ich lese etwas und irgendwann kommt auch der Autor dazu. Da mich nun die Muse verlässt und ich müde werde, halten wir es kurz. Habt ihr euch gefragt, wie das Sick Boy-Tattoo aussehen mag? Auch wir waren neugierig und durften auf Nachfrage einen Blick riskieren. Krass! Danach Trinken, Tanzen, es mogelt sich In The End von Linkin Park in die Playlist, hier werden nochmal Energien mobilisiert, Trinken. In die Jugendherberge, ohne Kater aufwachen (oder erinnere ich mich da falsch?), frühstücken und Rheine hinter uns lassen. Rheine, du bist wirklich nicht schön, aber Schauplatz der Geschichte, die mich ein paar Wochen lang begeistert und begleitet hat.

Thorsten, danke für den schönen Abend und bis zum nächsten Jahr in der Markthalle mit Muff Potter!

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