Renes Redekiste

Interviews & Polaroid-Fotografie

Cold Years

Die Musik im Van ist laut, wenn ich mich recht erinnere, spielen The Ramones. Die Luft ist erfüllt vom Geruch eines Räucherstäbchens, ebenso verräuchert ist es. Ross stolpert und schreit durch den Van: “Das ist hier wie im Vietcong!” Die Atmosphäre ist aufgeladen, wir sind alle betrunken und haben eine gute Zeit!
Es ist Freitag Abend und unser Ziel ist die Reeperbahn. Aber halt, wie kam es zu der wilden Fahrt?
Wollte ich nicht nur ein Interview führen, das Konzert sehen und dann direkt ins Bett fallen, weil ich am nächsten Tag nach Rheine für eine Lesung fahre?
Ach verdammt, nichts lief wie geplant! Und das ist mehr als nur ok!

Von links nach rechts:
Fraser, Ross, Finlay & Louis

Von Anfang an:
Cold Years spielen heute in Buxtehude und zwar im Rebel’s Choice.
Noch ein Rückblick (langsam wird es vielleicht verwirrend):
Mein letzter Beitrag lag einige Zeit zurück und ich war ohne Thema für die Redekiste, als ich das Plakat der Band im Pub gesehen hatte. Die professionelle Aufmachung des Plakates ließ mich etwas mehr als das übliche Cover Programm in Irish Pubs vermuten. Also hörte ich in den Songkatalog der schottischen Band rein und war begeistert. Die Anfrage für ein Interview hatte ich schnell rausgeschickt und die Bestätigung postwendend erhalten, yes!
Zurück ins jetzt:
Den Wechsel von Spät auf Frühschicht überlebt, die Kamera gesattelt und schon geht es, mit sechs Fragen gewappnet, auf Richtung Pub. Übermüdet, aber die Aussicht auf ein gutes Konzert und kaltes Guinness lässt mich durchhalten. Die Band hat eine 12-stündige Autofahrt hinter sich und nimmt sich trotzdem die Zeit mich ins innere ihres Vans einzuladen, in dem das nun folgende Interview stattfindet:

Der Klang eurer aktuellen EP, Northern Blue, erinnert mich an The Gaslight Anthem. Ist das ein Kompliment für euch?
Louis: Es ist ein Kompliment. Zuerst habe ich mir Sorgen darüber gemacht, dass wir zu viele Verbindungen zu The Gaslight Anthem haben. Aber hinsichtlich der PR und dieser Sachen, hat es uns definitiv geholfen. Und wenn ich daran denke, was vor Kurzem mit The Gaslight Anthem passiert ist. Ich denke, da war eine Lücke im Musikgeschäft, die gefüllt werden musste. Weil die waren wirklich eine Zeit lang da und wir führen nun das Geschäft ein bisschen weiter. Ich finde nicht, dass wir zu sehr nach ihnen klingen. Am meisten ist es wohl Ross sein Gesang, der damit verglichen wird.
Ross: Ja, das würde ich auch sagen. Da gibt es den Vergleich. Für mich kann ich sagen, ich liebe diese Band. Sie sind toll!
Louis: Wir alle tun das!
Ross: Wenn dich irgendjemand mit einem Künstler vergleicht, den du liebst, du mit dieser Musik aufgewachsen bist, dann denke ich, ist das eine gute Sache. Ich denke, das ist ein Kompliment. Und ich denke nicht, dass wir versuchen, wie jemand anderes zu klingen, das ist alles. Wir machen unser eigenes Ding, wir haben unseren eigenen Klang. Die Leute, die dich beeinflussen, haben einen Einfluss auf das, was du schreibst und auch auf die Art, wie du klingst, das ist eine gute Sache!
Louis: Vor allem, wenn du mit einer Band am Anfang stehst, klingst du mehr wie deine Einflüsse. Jetzt ist diese Band gewachsen. Und wir finden, wir sind nun die Band geworden, die wir von Anfang hätten sein sollen. Unser Sound hat sich entwickelt und solange wir Musik aufnehmen, umso mehr wird sich auch unser Sound entwickeln. Weißt du, wenn man sich unsere Einflüsse anschaut, werden wir in ein paar Jahren wohl nicht mehr wie The Gaslight Anthem klingen.
Ich wollte euch auch nichts vorwerfen, es war nur: “Ich mag deren Musik, aber sie erinnert mich an etwas.” Und eines Tages war dieses “ah hey hey” in meinem Kopf. Ja, es war 45 von The Gaslight Anthem. 
Finlay:
Das ist ein toller Weg für uns, mit neuen Leuten in Kontakt zu kommen, was offensichtlich ist. Am Anfang hatten wir nicht die Mittel, um mit Leuten in Verbindung zu treten. Hier in Deutschland liest man das Visions Magazin. Und dann hat das Visions Magazin ein paar Mal über uns berichtet und den Vergleich zwischen uns und The Gaslight Anthem angestellt. Und deswegen haben die Leute in Deutschland gesagt: “Oh, sie klingen ein bisschen wie The Gaslight Anthem.” Also haben sie sich unsere Musik angehört. Und das sind Leute, die wir auf unseren Konzerten getroffen haben. In diesem Sinne ist es Werbung für uns.

Keiner von uns will, dass es so wirkt, als würden wir versuchen wie The Gaslight Anthem zu sein. Weil das möchten wir nicht, wir möchten Cold Years sein!

Aber in diesen Bereich gesetzt zu werden, erlaubte es uns, uns mit mehr Leuten zu verbinden. Und das alles auf der Basis, dass sie The Gaslight Anthem mögen. Deshalb wollen sie uns hören und das ist großartig!

Miss You To Death, vielleicht ist es offensichtlich, aber Ross, vermisst du jemanden gerade so sehr?
Ross: Nein. Das ganze Konzept dahinter ist folgende Geschichte:
Ich saß eines Nachts zu Hause und habe ein bestimmtes Album gehört, dazu eine Flasche Wein getrunken, also wurde ich ziemlich betrunken und emotional. Und dann ja, hörte ich einen Song von einer Dire Straits-Platte. Und ich habe den immer gehört, als ich ein Kind war, da haben mein Vater und ich Samstags zusammen Pool im Haus gespielt. Mit einem dieser kleinen Pool Tische, die du auf einen Tisch stellen kannst. Ich war fünf oder sechs Jahre alt und mein Vater hat mir ein bisschen Bier abgegeben und sowas, und diese Platte lief immer im Hintergrund. Also saß ich da und dachte:
“Wie zur Hölle soll ich mir das anhören können, wenn mein Vater gegangen ist?”
In 30 Jahren, 20 Jahren, wenn mein Vater nicht mehr da ist. Und so ist das ganze entstanden. Ich vermisse jetzt niemanden, aber es gibt eine Zeile in dem Song: When you die I hope they bury your coffin next to mine. Das ist es. Ich liebe meinen Vater und ich denke, es wird sehr traurig sein, wenn ich versuche diese Lieder zu hören.

Louis: Weißt du, die Leute können Ross seine Texte auffassen, wie auch immer sie wollen.
Ross: Genau!
Louis: Du kannst diese Texte nehmen und ich habe davor Leute getroffen, die meinten, dieser Song hat ihnen mit Beziehungen geholfen. Freundinnen und so ein Kram. Und als Ross uns das erste Mal davon erzählt hat, dachte ich auch, es wäre so eine Beziehungssache. Aber als Ross uns die Geschichte erzählt hat … und wenn du dann den Song noch einmal hörst.: “Wow!”
Es verändert das ganze Thema des Songs!

Quelle: YouTube, Cold Years

Ihr habt gerade bei eone music unterschrieben. Was bedeutet das für euch als Band? Was wird sich verändern?
Alle: Es ist wunderbar!
Finlay: Es verändert wirklich alles.
Louis: Darauf haben wir hingearbeitet. In den letzten zweieinhalb Jahren haben wir uns so angestrengt und wirklich alles selber gemacht. Der Internet-Auftritt, Merchandise, auch das Aufnehmen unserer Platten. Wir sind eine Band, die wirklich alles selber macht. Selbst als wir Northern Blue aufgenommen haben, habe ich viel von der Technik gemacht. Die Aufnahme, das haben wir selbst gemacht. Wir saßen im Studio und haben alles selber gemacht. Abgesehen vom Misch-& Masterprozess. Und ich denke, wir machen viel mehr als andere Bands auf unserem Level. Wir sind an einem Punkt angelangt, wo du noch alles selbst machen kannst. Aber nun sagen wir, muss es auch weitergehen. Wir brauchen Leute, die hinter uns stehen.
Finlay: Ein Label kann die Mittel bereitstellen, um ein größeres Publikum zu erreichen. Und das ist eine dieser Grenzen, die du als unabhängige Band hast. Weißt du, klar, facebook, soziale Medien, alles, auch Spotify. Unsere Platte Northern Blue, besonders Seasons, wurde zu einigen Playlists hinzugefügt. Aber mit einem Label zusammenzuarbeiten, stellt dir Mittel zur Verfügung, um ein größeres Publikum zu erreichen, denn sie haben Fachkompetenz. Sie wissen einfach, wie es läuft.
Louis: Die Sache mit eone ist folgende. Eone ist das weltgrößte, unabhängige Label. Und die Typen, mit denen wir zusammenarbeiten, Torben eingeschlossen, das ist unser Mann in Deutschland, die glauben einfach komplett an uns und wir vertrauen ihnen total! Es ist wie eine Familie. Auch unser Manager Jamie, er ist das fünfte Mitglied unserer Band.
Das ist süß!
Louis:
Für uns war das Thema bei einem Label zu unterschreiben immer eine gewaltige Sache. Also gab es nur einen Weg, das zu tun. Und zwar müssen wir den Leuten, mit denen wir dann arbeiten, zu 100% vertrauen können. Und Dan und Ted von eone waren bisher einfach nur unglaublich! Das gleiche gilt für Phoebe und Achim. Ja, es fühlt sich wirklich wie eine tolle, große Familie an, alle arbeiten auf das selbe Ziel hin.

Finlay und Louis im Van.

Ein anderer Beitrag auf Instagram war ein Rückblick auf euren Auftritt in der Astra Stube. In Hamburg und anderen großen Städten zu spielen, das ist normal. Nun spielt ihr aber in Buxtehude, nachdem ihr in Nürnberg gespielt habt und dann geht es nach Dortmund.
Wie kommt es denn zu diesen Spielstätten?
Louis: Torben (alle fangen an zu lachen)! Der wunderschöne, wunderbare Torben!
Ross: Für uns ist das ein toller Ort zum Auftreten, denn wir lieben es, dort zu spielen, wo wir eben noch nicht gespielt haben. Und das ist immer eine Chance, egal, wie groß der Veranstaltungsort ist, wo du auch spielst, sei es ein Pub, ein verdammter Swimming Pool, eine Hausparty, wo auch immer. Umso mehr Leute hören deine Musik, die sie eben noch nicht kennen! Das ist eine gute Bühne dafür. Also hey, wir spielen hier heute Abend und es kommen, 30, 40 Leute, ich habe keine Ahnung, wie viele Leute zum Auftritt kommen werden.
Finlay: 300!
Alle lachen!
Ross: Und das nächste Mal spielen wir dann in einem größeren Laden. Dann spielen wir für 500 Leute und dann kommen wir nochmal und spielen für 1000 Leute. Du baust das ganze auf! Ich habe mal was von Springsteen gelesen, als er ein Kind war und darüber gestöhnt hat, dass Erfolg sich wie folgt aufbaut:
Du spielst in einem Laden vor 30 Leuten. Und dann spielst du in der Bar die Straße runter und dann dort und dann in jeder Bar, bis sie die Schnauze voll von dir haben und dich auch nicht mehr sehen wollen. Und dann ziehst du in die nächste Stadt und machst das selbe. Und so baust du dir eine natürliche Gruppe an Fans auf. Und genauso machen wir das.

Finlay: Ja, rausgehen und Leute treffen. Es geht um das Leute kennenlernen, auch deshalb machen wir all das.
Louis: Wir haben schon vor den verschiedensten Mengen gespielt. Ich meine, wir haben vor 8000 Leuten gespielt. Wir haben auf dem Brew Dog Anual General Mayhem (AGM) gespielt, ein großes Bier-Festival! In unserer Heimatstadt Aberdeen gibt es eine Arena, AECC, und wenn du da spielst …, nicht viele Bands aus Aberdeen haben das jemals gemacht. Wir hatten echt Glück, dass uns die Möglichkeit gegeben wurde. Also haben wir vor 8000, 10000 Leuten gespielt, aber wir haben auch schon für acht Leute gespielt.
Ross: Ja man, du spielst immer mit der selben Leidenschaft!
Louis: Ich habe schon Bands auf Tour gesehen, die sehen dann draußen acht oder zehn Leute stehen. Und du merkst es an ihrem Auftritt, sie haben schon kein Bock mehr. Jetzt mal im Ernst, was ist das? Ist das wirklich wichtig? Wenn wir vor acht Leuten spielen, dann sind wir noch immer auf Tour, beste Freunde und dabei wir sind noch immer in einem anderen Land und können dort unser Ding machen.
Ross: Und diese acht Leute, die du nie getroffen hast und aus einem anderen Land kommen, die bezahlen Geld, um dich spielen zu sehen, ich meine, das ist doch der Wahnsinn!

Eine Frage, die Freunden von mir gestellt wurde, als wir zusammen auf Tour waren. Was vermisst ihr am meisten, wenn ihr unterwegs seid?
Fraser: Weißt du, am Anfang fand ich es echt schwer mich damit zu arrangieren, ständig im Van, ständig in Bewegung zu sein, neue Leute zu treffen und all sowas. Aber nun ist es einfach das Leben und ich vermisse nicht viel.
Louis: Es formt deinen Charakter.
Fraser: Wenn du nach der Tour nach Hause kommst:
Du kommst an, wechselst deine Klamotten und packst dir frische Klamotten ein. Siehst deine Freundin, deine Eltern, wen auch immer: “Hi, die Tour ist toll, ich bin wieder weg, Tschüß!” Da muss ich auflachen.
Ross:
Klar, du vermisst Leute, die du gern hast. Und deine Familie, deinen Partner. Aber eine Sache, die ich sicherlich nicht vermisse, ist die schottische Küche! Denn das Essen hier ist unglaublich, das Bier ist auch so wunderbar und erst der Mexikaner!

Die anderen: Und der Schnaps und der Jägermeister (wir müssen alle wieder lachen)!
Louis: Wir sagen das immer, wenn wir auf der Bühne stehen, die britische Musikszene kümmert sich überhaupt nicht um Musiker und sorgt damit auch nicht dafür, dass diese hier (UK) spielen wollen.
Ross:
Außer, du wirst als bekannte und erfolgreiche Band betrachtet!

Louis: Weißt du, da ist echt was verlorengegangen. Wenn wir hierherkommen, dann werden wir so behandelt, wie die Leute, die Arenen und Festivals headlinen.
Ross: Ich habe mal ein Event organisiert und dort im Backstage gearbeitet. Und wie die dann behandelt werden, Fahrer, dies und das und das bekommen wir hier auch, das ist echt irre. Die Liebe und der Glaube an die Musik in diesem Land sind unglaublich. Weil ihr daran glaubt Bands zu unterstützen, bei uns ist das ganz anders: “Oh, schau, The Menzingers spielen, die schauen wir uns an.” Weil das ein Statussymbol ist. “Die werden groß, also schauen wir uns das an.” Aber bei einer Band wie wir sie sind: “Die sind nicht groß, das interessiert uns nicht.” Aber hier sagen sich die Leute, scheiß drauf, wer die Band ist. Sie mögen die Musik, sie kommen zu den Konzerten, sie kaufen Platten und sie kaufen natürlich Tickets für die Shows. 
Louis: Weißt du noch, als wir mit Tiny Moving Parts in Trier gespielt haben? Da spielte eine lokale Band neben dem Laden, in dem wir aufgetreten sind. Und die Leute kamen zu uns, wir hatten schon gespielt und sie kamen aus ihrem Konzert. Sie hatten unsere Musik vorher nicht gehört und sie kaufen Platten und Merch! Und dann sind sie zurück zu dem Auftritt ihrer Freunde. Sie haben gehört, dass wir aus Großbritannien kommen und auf Tour sind. Es ist unfassbar, auf welchem Level hier der Support stattfindet. Und ich glaube nicht, dass diese Kinder viel Geld hatten. Wie viel Geld gibst du …, na ja, ich habe nicht das Geld, um Merch von einer Band zu kaufen, die ich noch nie gehört habe. Dass Leute sowas machen, ist für uns unglaublich!
Fraser: Die gleiche Show, also die in Trier mit Tiny Moving Parts. Da sind mein Drumtec Ewan und ich rübergegangen und haben mal geschaut, was da so los ist, denn wir haben gehört, dass eine lokale Band spielt. Wenn du unterwegs bist, gibt dir das auch die Möglichkeit rauszugehen und lokale Bands kennenzulernen.
Louis: Wir hätten auch nicht von den Blackout Problems gehört, hätten wir nicht auf dem Noisehausen Festival gespielt. Und nun hören wir sie im Van. Sie sind jetzt eine unserer Lieblingsbands.

Die wichtigste Frage!
Star Wars oder Star Trek?

Alle: Star Wars!
Ross: Verdammt, nichts davon! Pulp Fiction!

Ross, entschuldige, dass ich dich hier wie einen Zwerg aussehen lasse!

Danke für eine echt coole Nacht und bis zum nächsten Mal!
Für alle Leser: Cold Years arbeiten an ihrem Debüt Album, also Augen offen halten!

Text, Interview & Polaroid-Fotos: René Biernath
Instant Film: Color, For Use With 600

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3 Kommentare

  1. Torsten 3. November 2018

    Hallo Rene!Schön das Du Deine Artikel schreibst!Dadurch lernt man coole Bands kennen!Habe eben beim lesen ,das Video von “Miss you Death” angeklickt und mein Junior ging voll ab!Ich würde sagen er hat gute Musikgene geerbt!
    Weiter so Rene.
    Bis die Tage.
    PS.mach die Matheaufgaben nicht zu schwer.
    🙂

  2. LiSe 18. November 2018

    Wooohooo! Good read! Write on!

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