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Hamburg Station

Sir Paul McCartney bringt heute sein neues Album Egypt Station auf den Markt. McCartney selbst hätte zwischen Carpool Karaoke und anderweitigen Unternehmungen wahrscheinlich keine Zeit für die Redekiste gefunden.

Quelle: YouTube, The Late Late Show with James Corden

Aber ich wage es kühn zu behaupten, dass ich heute etwas gleichwertig gutes, Interessantes veröffentliche. Das folgende Gespräch dokumentiert eine schier unglaubliche Geschichte, die davon handelt, wie ein junger Mann, im Alter von 15 Lenzen, im Jahre 1962 zu dem Vergnügen kam, The Beatles im Hamburger Star Club live zu erleben.
Ich wünsche euch gute Unterhaltung, nächster Halt:

Hamburg Station

Wie kann man sich Hamburg zur damaligen Zeit vorstellen?
Anfang der 60er Jahre befand sich Hamburg neben vielen anderen Regionen noch immer im vom Krieg zerstörten Zustand. Hausfassaden und Ruinen zerbombter Häuser erinnerten in vielen Stadtteilen an die Auswirkungen des Bombardements durch die alliierten Streitkräfte.
Zwar war man nicht reich, aber dennoch in einer durchweg positiven Aufbruchstimmung. Auch war man dabei Hamburg hübsch zu machen, bei Ebbe wurden die vielen Kanäle von Trümmerresten und alter Munition befreit, Ruinen wichen Neubauten für Wohnraum und auch um den Hauptbahnhof herum wurde bis zu dessen Umbau alles wohlgefällig gestaltet. Rundum gab es viele Provisorien, wie einfach zusammen genagelte Marktverkaufsstände, Kioske und Wurstbuden, denn selbst wenn der Mantel erneuerungswürdig war, für ein Würstchen reichte es dennoch.

Wie kam es zu dem Besuch des Star Club, da gibt eine wirklich besondere Vorgeschichte?
Auf Grund sozialer Missstände innerhalb meiner Familie wie auch meiner damaligen Lebensumstände, erhielt ich in 1959 durch die Vermittlung des Jugenderholungswerk Hamburg e.V. die Möglichkeit, an einer Ferienfreizeit in England teilzunehmen. Sämtliche Vorbereitungen und Prüfungen erfolgten über den C.V.J.M. im Zusammenarbeit mit dem internationalen Y.M.C.A.

Auf diesem Wege kam es dazu, dass ich mit 19 weiteren Jungen die Sommerferien in einer betreuten Jugendherberge in St. Helen auf der britischen Isle Of Weight verbringen durfte.
Mit dem Personenzug ging es von Hamburg aus in niederländische Hoek van Holland, gefolgt von einer Überfahrt mit einem Fährschiff über den Ärmelkanal nach Harwich. Ich erinnere mich noch, dass ich, anstelle der Kreidefelsen, die Freiheitsstatue von New York erwartet hatte. In Harwich wartete bereits ein Bummelzug, der uns in gut einer Stunde nach London brachte. Dort wurden wir von einem englischen Sir, sowie vier oder fünf Betreuern, in Empfang genommen und zu den typischen Londoner Sehenswürdigkeiten geführt. Am Nachmittag ging es dann in ein nobles Café im Herzen Londons. Sir Julian Holt eröffnete uns, dass wir in Kürze einer Dame vorgestellt würden, wobei eine kleine Überraschung auf uns wartete. Und so kam es dazu, dass wir eine Lady namens Queen kennenlernten, ich erinnere mich noch an ihr Kopftuch und ihre karierte Bekleidung. In deutscher Sprache hieß sie uns willkommen und wünschte uns einen erholsamen Urlaub, begleitet wurde das Ganze von einem Taschengeld in Höhe von Fünf Pfund Sterling.
Ich glaube, dass jeder von uns das Ganze erst realisierte, als es bereits vorüber war. In der Tat hatten wir einen wunderbaren und sorgenfreien Urlaub.
Vor unserer Rückfahrt informierte uns Herr Holt, dass er, wie auch die Betreuer, mit uns er sehr zufrieden war und wir gerne ein weiteres Mal an einer Jugendfreizeit teilnehmen können.
Entgegen der üblichen Urlaubsversprechen, Kontakt halten zu wollen, gelang es meinem Freund Horst Streese und mir sehr wohl. Ab und zu schrieben wir in sehr schlechtem Englisch ein paar Zeilen an Herrn Holt und ab und an erhielten wir im besten Deutsch eine Antwort. So verging die Zeit, bis uns Anfang April 1962 die Nachricht erreichte, dass Herr Holt ein paar Tage in Hamburg wäre und in diesem Zeitraum im Atlantic Hotel erreichbar wäre. Ich glaube, am 10., oder dem 11. April saßen wir dann in der Lobby des Hotels, unruhig auf den Stühlen hin und her rutschend, denn wir hatten doch kein Geld. Ein Kellner erblickte uns und fragte, was er uns denn bringen dürfte. Brav bedankten wir uns und irgendwie bekamen Horst und ich jeder eine Cola. Kurz darauf erschien Herr Holt und begrüßte uns aufs herzlichste.  Er bat den Kellner, uns noch etwas zum Trinken und ein paar Kekse zu bringen. Daraufhin eröffnete er uns, dass wir für den nächsten Tag zum Abendessen im Ratskeller des Hamburger Rathauses eingeladen wären und er sich sehr freuen würde, wenn wir, das Einverständnis unserer Eltern vorausgesetzt, seiner Einladung folgen würden. Da weder Horst noch ich jemals in so einem piekfeinen Restaurant zu Abend gegessen hatten, war das Ganze schon eine Herausforderung für uns.

Trotz aller Bedenken hatten wir Spaß und erfuhren, dass wir am nächsten Tag noch eine Überraschung zu erwarten hätten. Wir sollten uns demzufolge zu einer verabredeten Zeit am Nobistor auf St. Pauli treffen. Natürlich spekulierten Horst und ich, welcher Art die Überraschung wohl sein könne, doch erraten konnten wir nichts.
Am frühen Abend des folgenden Tages schlenderten wir dann zu dritt die Reeperbahn hinab und waren fast schon an deren Ende angelangt, als wir nach rechts auf die Große Freiheit einbogen. Vorbei an den vielen Leuchtreklamen, bis zum Star Club. Hier gab uns Herr Holt, verbunden mit den Worten, als traditionsbewusster Engländer könne man sich den ersten Auftritt der The Beatles, im neu eröffneten Star Club, in keinem Fall entgehen lassen, jeweils eine Eintrittskarte in die Hand.
„Jungs, freut euch drauf, ihr seid herzlich eingeladen, ich zahle auch die Getränke!“
Man, war das eine Freude. Abends im neu eröffneten Star Club und einem Gastspiel der The Beatles, irgendwie fühlten wir uns königlich gut. Wie andere im vergleichbaren Alter hatten wir bereits das eine oder andere Lied von den Beat Brothers als Begleitband anderer Musiker gehört, aber dies war nun mal etwas ganz anderes.
Danach pflegten wir auch weiterhin den Kontakt, bis uns dann Ausbildung und Militärdienst eine jeweils andere Spur aufdrängten. Dennoch blieb diese Erinnerung immer etwas Besonderes.

Klaus, vielen Dank für diese ganz besondere Erinnerung!

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