Renes Redekiste

Interviews & Polaroid-Fotografie

Sulene

Als ich im letzten Jahr plante, Sulene in New York zu treffen, war die aus Südafrika stammende Musikerin zu diesem Zeitpunkt auf Tour an der Westküste. Somit mussten wir das Interview leider ausfallen lassen. Glücklicherweise hat es eine Freundin in die Stadt, die niemals schläft, verschlagen. Also hat sie im Juni das Interview für die Redekiste gemacht! Nele hat die “Hardcore-Vegetarierin” (wie sie selber über sich sagt) in ihrem eigenen Studio getroffen, um über musikalische Abwechslung, das Touren mit verschiedenen Künstlern und über viele andere Dinge zu sprechen. Danke Nele! Ich hoffe, das Interview gefällt euch!

Hey!
Für die Leute, die dich nicht kennen. Wer ist Sulene?
Ha ha! Ich bin eine Musikerin, eine Produzentin, schreibe Filmmusik, ich mache wirklich viele verschiedene Dinge! Es kommt also ganz darauf an, an welchem Tag du mich erwischst, ich kann jedes Mal etwas ganz anderes machen. Aber ja, alles in allem bin ich Musikerin.

Wir sind jetzt gerade in Gotham, besser bekannt als New York City!
Es gibt keinen besseren Zeitpunkt für diese Frage:
Batman oder Spider-Man?
Oh, Spider-Man!

Wieso?
Na, weil er herumfliegt und sich an Gebäude heften kann (lacht laut)!

Lass uns über deine Musik reden!
Im Jahr 2014 hast du deine Holding Words Back-EP veröffentlicht, die von Apple Music verschwunden ist …
Letztes Jahr hast du dann im März deine aktuelle Strange-EP rausgebracht, im Dezember gefolgt von der Strange (Reimagined)-EP.
Die erste EP, die du veröffentlicht hast, ging in die Richtung Pop-Rock, vielleicht auch Punk-Rock, weißt du, wie blink-182, sowas halt. Mit der folgenden EP hast du einen klaren Wechsel in die Pop-Musik vollzogen. Wieso ist das passiert? 
Wieso das passiert ist, nun ja, ich meine, im Laufe der Zeit verändert sich dein Geschmack, als Person und als Musiker ebenso. Einen Großteil meines Lebens habe ich Pop-Punk gespielt, ich bin mit Pop-Punk Bands getourt und ich war sogar in einer blink-182 Tribute-Band! Dieser Musikstil ist noch immer tief in mir drin und wenn ich Musik schreibe, höre ich das noch immer raus und andere Leute sagen das auch. Aber ich glaube, was passiert ist, dass Nate Ruess, mit dem ich angefangen hatte zu touren, einfach ein großer Einfluss auf mich war. Er ist der Sänger der Band fun., das hat mich dann in die ganz andere Welt der Pop-Musik eingeführt. Ich habe dann für Betty Who gespielt, ich habe viel mehr geschrieben und ich glaube, wenn ich nun sage, ich bin da raus gewachsen, bekommt das eine negative Assoziation. Ich glaube nicht wirklich , dass ich aus dem Pop-Punk rausgewachsen bin, ich glaube eher, dass sich mein Interesse verschoben hat. Ich liebe es noch immer diese Musik zu spielen, aber es gibt da einfach mehr für mich zu entdecken. Eine große Sache, die geschehen ist, ich sitze direkt daneben, ich habe mir einen Synthesizer gekauft! Das stößt einem direkt vor den Kopf, auch du kannst es sehen, hier sind echt viele Gitarren in diesem Raum, aber nur ein Synthesizer! Für eine lange Zeit habe ich echt nur Gitarre gespielt und Musik um dieses Instrument herum geschrieben. So ist das dann mit der Rock-Musik passiert. Ja, und nun habe ich begonnen andere Arten von Musik zu erforschen. Und selbst heute frage ich mich: “Wie klinge ich eigentlich aktuell?” Das ist das, was eigentlich passiert ist. Der einzige Grund, warum ich die EP rausgenommen habe, also die Holding Words Back-EP, ist, dass sie nicht zu der neuen Richtung, die ich eingeschlagen habe, gepasst hat. Das ist tatsächlich ganz normal für Musiker sowas zu machen. Als ich plante die EP (Strange) rauszubringen, wurde mir geraten, sie wie mein Debüt zu bewerben, was tatsächlich gut funktioniert hat, also habe ich diesen Rat gerne angenommen.

Quelle: YouTube, BalconyTV

Du hast den ersten Song deiner EP, What We Had, für Balcony TV gespielt. In diesem Lied fragst du: “Können wir zurück?”
Es ist zwar traurig, das zu sagen, aber wir können nicht zurück. Damit muss man im Leben klarkommen. Inwiefern hilft es, diese Worte zu singen, obwohl du weißt, dass du nicht zurückgehen kannst?
Ach, ich weiß, ich habe über all das nachgedacht, als ich diesen nostalgischen, traurigen Song geschrieben habe, ha ha ha. Es hilft mir dabei, mich an gute Zeiten zu erinnern, es ist eine Hommage an eine sehr glückliche Zeit in meinem Leben, es geht um eine Band, mit der ich im College zusammengespielt habe. Es geht nicht um eine Liebesbeziehung, …, was viele Leute aber denken.

Quelle: YouTube, SuleneVEVO

Ich denke, dass der zweite Track auf deiner EP, Haunting, auch im Stil deiner ersten EP funktioniert hätte. Hast du jemals über sowas nachgedacht, quasi Reimagined 2.0?
Oh, du meinst als Pop-Punk Song?

Ja, genau!
Ja, das könnte und würde Spaß machen, aber nochmal, ich denke, ich würde das nicht machen. Alleine deshalb, weil die Dinge nun in eine neue Richtung laufen. Und ich möchte sehr ehrlich mit mir sein, wenn ich etwas mache. Für meine eigene Kunst werde ich nichts machen, was mich nicht interessiert. Als Beispiel, die Reimagined-EP kam so zustande: Vor einem Jahr hatte ich echt kein Interesse an Remixen. Jeder hat eine EP herausgebracht, und dann gab es davon einen Remix. Das ist ein brillanter Weg, um weiterhin Musik herauszubringen. Und ich erkenne das an, weil ich denke, dass das schon echt cool ist! Aber am Ende ist es so, wenn mein Herz nicht dafür schlägt, dann werde ich es nicht machen. Ich kann es schon genau hören, wie Haunting als Pop-Punk Song wäre, ich denke, jeder Song, den ich schreibe, könnte ein Pop-Punk Song werden. Sie könnten in dieser Welt leben! Aber ich wäre nicht mit meinem Herzblut dabei.

René hat dich 2015 in Hamburg getroffen, als du mit Nate Ruess auf Tour warst, wie du auch schon eben erzählt hattest. Mit dem Sänger von fun. auf Tour zu sein, das muss toll sein, ich meine, du hast überall auf der Welt gespielt. Was war dein Highlight in dieser Zeit? Vielleicht das Treffen mit dem früheren Präsidenten Obama?
Ha ha! Ja, also das war definitiv ein Highlight! Das war sehr inspirierend. Als wir diesen Auftritt im Weißen Haus hatten, kam vieles zusammen. Das Touren mit Nate nahm ab und ich begann damit, die Strange-EP zu schreiben. Und die Strange-EP zu schreiben war echt hart, ich befand mich an einem eigenartigen Punkt. Ich war für eine lange Zeit unterwegs und fühlte mich wie fallengelassen. Zurück in New York hatte ich keine Ahnung, was ich mit mir anfangen sollte. Und dann war es so, okay, wir haben wieder einen Auftritt, in DC, aber es wurde nicht gesagt, dass es das Weiße Haus ist. Und wir waren dabei, warum auch nicht? Und dann siehst du, dass es der East Room des Weißen Hauses ist! Ich meine, ich bin nicht mal Amerikanerin. Ich bin eine Einwanderin. Das war echt verrückt für mich. Und dann für diesen Präsidenten zu spielen, na, du weißt, bevor … Ich war so glücklich! Also das war definitiv ein Highlight! Aber ehrlich, das größte, was ich aus dieser ganzen Geschichte, mit Nate Ruess und der Band Romantic zu spielen, gewinnen konnte, sind die Beziehungen zu den Menschen. Weil, selbst jetzt treffen wir uns einmal im Monat, um eine Show zu spielen. Und das fühlt sich dann wirklich wie ein Familientreffen an! Wir waren ein paar Jahre zusammen unterwegs, die Leute haben geheiratet und haben Kinder, es ist echt wild! Jeder arbeitet an verschiedenen Projekten und unterstützt den anderen. Das ist für jemanden wie mich echt cool, weil ich wirklich sehr weit von meiner Familie entfernt lebe. Diese Verbindung mit dieser Gruppe von Leuten zu haben! Als wir das erste Mal vor ungefähr 15.000 Menschen gespielt hatten, ich erinnere mich, ich dachte: “Wow, das sind eine Menge Leute!” Ich kam auf die Bühne und wusste gar nicht, dass die Show so groß war. Aber ich würde nicht sagen, dass das das Highlight für mich war. Es sind eher die kleine Dinge, die Erinnerungen, die du mit den Leuten teilst. Ich habe gerade mit ihnen in Las Vega gespielt! Das war echt was besonderes, Nates Sohn war dort. Sein neues Kind kennenzulernen, das war echt etwas besonderes für mich! Wie ein “Hinter den Kulissen” beim Spielen in einer Band.

Im September 2017 hast du bei LPX mitgespielt und ihr wart als Vorband von Haim unterwegs. Was war anders, als du mit ihnen auf Tour warst?
Da sind erstmal viele Gemeinsamkeiten! Ich komme super mit den Leuten von LPX und der Band um Nate Ruess klar. Ich denke, dass die LPX/Haim-Tournee anders war, weil die Musik von LPX sehr rockt, es auf der Bühne sehr heftig zugeht und wir trugen Overalls. Wir sind jede Nacht durchgedreht, ha ha! Es ist auch was ganz anderes, der Headliner der Tour zu sein, wie mit Nate, dagegen haben wir mit LPX den Abend für Haim eröffnet. Du bekommst weniger Zeit für den Soundcheck und das Set ist generell kürzer.

Ein letzter Rückblick zum “Crappy Punk Rock”! Du hast in einer blink-182 Tribute-Band mit dem Namen Dude Ranch And The Girl At The Rock Show mitgespielt. Bedeuten dir blink-182 noch immer etwas? Auch, wenn Tom wieder ausgestiegen ist?
Ich meine, klar, ihre Musik bedeutet mir definitiv noch immer was! Das ist so lustig, denn letzte Nacht habe ich ein Bild in meiner Instagram-Story gepostet, auf dem ich ein Shirt von blink-182 trage. Und René hat mit einem Bild geantwortet, in dem er auch ein Shirt von blink-182 trägt. Also ja, sie sind in meinem Leben noch immer relevant! Dude Ranch And The Girl At The Rock Show sind jetzt nur noch The Dude Ranch, weil da kein Girl mehr bei der Rock Show ist, ich habe die Band verlassen, spiele nicht mehr für sie. Aber was den neuen Kram angeht. Um ehrlich zu sein, ich bin nicht mehr interessiert, seit dem Tom nicht mehr dabei ist. Es ist bestimmt noch immer toll und sehr aufregend, aber ich habe sie nie mit Tom auf der Bühne gesehen und ich denke, nun werde ich sie nie live sehen. Es ist genauso, als John Frusciante die Red Hot Chili Peppers verlassen hatte, von dem Zeitpunkt an war ich nicht mehr interessiert.

Drei kurze Fragen, bevor wir zur letzten Frage kommen:
In Rock Band aufzutauchen ist …?
Ja, meine Bewegungen wurden für einen Charakter in Rock Band-VR eingefangen. Es gibt dort eine Gitarristin und eine Bassistin. Ich bin dafür nach Boston gefahren, das war vor zwei oder drei Jahren. Die stecken dich dann in einen Anzug, der mit Sensoren und all dem Zeug bestückt ist und dann musst du ein paar Songs spielen und headbangen und rumspringen. Also, wenn du Rock Band-VR spielst, bewegt sich dieser Charakter im Grunde wie ich auf der Bühne.

Dein liebster Platz in New York ist …?
Ehrlich gesagt, die Williamsburg Bridge. Ich laufe jeden Morgen über diese Brücke, versuche mich fit zu halten (lacht). Ich hasse es total zu trainieren. Also bringe ich mich jeden Morgen dazu, über diese wunderschöne Brücke nach Manhattan und wieder zurück zu laufen. Das ist die einzige Zeit am Tag, an dem ich mich dem Wasser nah fühle. Ich komme aus Südafrika, ich bin an einem Strand aufgewachsen! Von daher, was das für mich bedeutet, es ist halt was besonderes für mich. Deshalb ist das mein liebster Teil des Tages!

Wenn du keine Musik machen würdest, dann würdest du …?
Oh, man, ich habe keine Ahnung! Ich war immer eine Musikerin! Als ich aufgewachsen bin, habe ich mich sehr für Fußball interessiert. Morgen habe ich auch ein Fußballspiel! Als ich in der High School war, habe ich für Western Province in Südafrika gespielt. Und ich würde sagen, das war wirklich das einzige, was mich sonst interessiert hat

Also wärest du jetzt eine berühmte Fußballspielerin (lacht).
Ja, aber das wäre doch eine beschissene Antwort. Ich erinnere mich, wie ich meinen Eltern sagte, sie waren nicht sehr begeistert von der Musik-Sache: “Gut, Musik oder Fußball.” Weißt du, was ich meine? Eine realistischere Antwort ist, glaube ich, dass ich eine Schriftstellerin sein könnte. Wirklich, ich liebe es zu schreiben. Ich schreibe meinen eigenen Blog und empfinde da das gleiche Glück wie beim Song schreiben. Irgendwas mit Worten. Ich weiß es nicht, ich habe da nie vorher drüber nachgedacht, also, hier bin ich.

Auf zur letzten Frage!
Zwei EP’s, Touren mit verschiedenen Künstlern, was sind deine Pläne für die Zukunft?
Der Plan ist, soviel Musik wie möglich zu schreiben. Jetzt sitzen wir in meinem Studio, das habe ich im Februar bekommen. Das war über die letzten Jahre ein Traum von mir. Ich habe darauf hinausgearbeitet, einen ruhigen, schalldichten Raum in New York zu haben. Der ist echt überraschend hart zu finden, ohne einen Haufen Geld dafür auszugeben. Nun kann ich einfach hier sein und Sachen kreieren. Eine umfassendere Antwort ist, dass ich nun die ganze Zeit tiefer gehen, neue Klänge entdecken und bessere Musik schreiben kann. Aber mittlerweile habe ich mich doch sehr verändert. Vom Touren mit anderen Menschen hin zum Komponieren, ich habe viel Musik für Filme und Werbung geschrieben. Ich produziere anderer Leute Musik, ich möchte, dass Kreativität ein Teil jedes Tages ist und ich arbeite an einer neuen Platte. Ich brauche dafür wirklich lange, weil ich so viele Lieder schreibe und meistens denke ich am Ende des Tages: “Das ist nicht gut genug. Ich muss weiterarbeiten.” Aber für einige Leute ist das eben so. Die Strange-EP ist etwas, auf das ich sehr, sehr stolz bin. Und weißt du, ich habe zwei Jahre gebraucht, um sie zu schreiben. Am Ende habe ich nur vier Songs ausgewählt. Ich denke, es braucht halt seine Zeit und ich würde nichts herausbringen, womit ich nicht leben könnte. Jetzt habe ich zwei Songs fertig, die kommen vielleicht im nächsten Jahr heraus.

Sulene in ihrem Studio in Brooklyn.

Text & Interview: Nele Ritscher/René Biernath
Fotos: Nele Ritscher
Für das Cover-Bild habe ich die “Instants”-App genutzt, um ein Polaroid zu generieren.

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1 Kommentar

  1. Torsten 16. August 2018

    Hallo Rene!Wieder ein toller Artikel!!!!Mach weiter so!Immer wieder schön deine Berichte zu lesen!

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