Endlich ist es soweit, denn wie jedes Jahr ist heute, am 9. Juli, der Tag des Rock ’n‘ Roll. Und zugegeben, sechseinhalb Jahre sind eine wirklich lange Zeit, um einen solch kleinen Artikel immer ins nächste Jahr mitzuziehen. Aber:
„Was ist eigentlich deine Frage?“
„Na, ob Rock ’n‘ Roll tot ist!?“
Die Frage, mit der ich mich bereits am 26. Januar 2020 auseinandergesetzt habe, soll nun endlich beantwortet werden. Eigentlich habe ich mir und auch anderen diese Frage bereits früher gestellt. Dem Sänger von BRONCHO, meinen Freunden von Fizzy Blood, Last Train. Doch oft stellte sich dabei die zusätzliche Frage: Was ist denn eigentlich Rock ’n‘ Roll?
Geht es hier nur um die Musik? Was ist mit dem Lebensgefühl, der Umbruchstimmung der 60er Jahre? Sind es Elvis, die Beatles, Chuck Berry? Was ist mit Pink Floyd, was ist mit Punk oder auch der Zeit, als anfängliche Hair Metal-Bands zu Rock-Giganten wurden, wie zum Beispiel Guns ’n‘ Roses, die mein Verständnis von Rock zum größten Teil definierten. Arg männerlastige Bands mit meist langen Haaren. Es war eine Idee von Rock ’n‘ Roll, die sich in meinem jugendlichen Kopf manifestierte. Bands, die Arenen füllen, keine Regeln kennen, außer vielleicht die, zu feiern, als wenn es kein Morgen gäbe. Ich las mich durch Biografien, die all die Dinge aufführten, die anscheinend dazugehörten, ganz vorne der Exzess.
Und was beim ersten Lesen noch aufregend, ja geradezu unglaublich schien, verlor spätestens bei der dritten Lebensbeichte seine Spannung. Eher stellte sich ein bitterer Beigeschmack ein. Doch mein sechs Jahre zurückliegender Versuch mich dieser Frage, diesen Fragen, zu stellen, war leider zu starr, zu kontrolliert ausgefallen. Es gibt aber Gedanken dazu, die aktuell geblieben sind und die nun hier aufgeführt werden.
Also was ist Rock, oder eben auch Rock ’n‘ Roll? Sich mit Drogen vollzupumpen, in riesigen Stadien Rockshows spielen und sich wie ein Arschloch aufzuführen? Oder sprengt der Geist des Rock ’n‘ Roll musikalische Grenzen? Ist es mehr ein Lebensgefühl, wie Ryan von BRONCHO sagt? Dennoch, ich will den musikalischen Aspekt, sowie die Art des Lebensgefühls beleuchten. Thees Uhlmann ging im Spiegel-Gespräch auf die Rockmusik selbst ein: „Rockmusik ist tot, die Leute interessieren sich eher für Entertainment, als für Rock ’n‘ Roll.“
Eine Momentaufnahme
Doch ist Rockmusik tatsächlich tot? Okay, ich bin beim Schreiben meiner Antwort klar im Vorteil. Thees Aussage stammt aus dem Jahr 2019. Und meine Erwiderung folgt sieben Jahre später. Warum dieser Artikel gerade jetzt in diesem Jahr kommt? Nun ja, die eingangs gestellte Frage wird neuerdings auch von diversen Medien verneint und Liam Gallagher, der Rock ’n‘ Roll als im Koma liegend ansah, hat den totgesagten Patienten im letzten Jahr mit seinem Bruder Noel kurzerhand wachgerüttelt. Denn die den Globus umspannende Oasis Live ’25 Tour brachte alle Superlativen ins Spiel, wie man sie eben nur von früher kennt. 41 Konzerte auf fünf Kontinenten, durchschnittlich 70.000 Besucher pro Konzert, beinahe 2,9 Millionen verkaufte Tickets, die für einen Umsatz von ca. 400 Millionen Pfund sorgten, und das sind allein die Zahlen ohne den Wild West-Charakter des Schwarzmarktes.
Vor den Gallagher-Brüdern haben sich (ebenso undenkbar) sogar Guns ’n‘ Roses zusammengerauft und spielen wieder fleißig auf den Bühnen der Welt. Metallica und die Red Hot Chili Peppers spielen nur noch Stadion-Shows und auch Jubiläumstourneen zu bestimmten Alben rufen Fans in Scharen zusammen. Linkin Park sind nach dem tragischen Ableben von Chester Bennington mit neuer Frontfrau (!) zurück und so groß wie nie zuvor. Und das sogar mit einem neuen Album. Wenn Rock so gespielt wird, kann Rock nicht tot sein. Genauso wenig wie der Geist des Rock ’n‘ Roll.
Es kann eine Einstellung sein, es muss nicht zwingend das Genre sein, aber es kann ein Gefühl sein. Und ich denke, das ist noch immer die Stimmung. Es sind halt andere Dinge, die dem nun ähneln. Viele Frauen werden nun groß in ihrem Genre. Bestimmte Dinge werden größer, einige müssen einen Schritt zurücktreten.
Das ist einfach etwas, was passiert und es ist gut, dass es diese Veränderung gibt. Denn letzten Endes muss sich Kultur immer etwas verändern, also gehst du da mit und machst einfach weiterhin was du tust.Ryan Lindsey, BRONCHO, 2019.
Und die Aussage, dass heutzutage eher Entertainment, denn eben jene Musik gefordert wird? Geht Rock nicht schon immer mit Entertainment einher? Wurde doch den jungen Beatles bereits gesagt „Schau“ zu machen! Posen beim Gitarrensolo, riesige Bühnenaufbauten, Videoscreens, Pyrotechnik? Musiker, die sich in die Menge stürzen. All das gibt es noch immer! Was wird vermisst? Woher kommen diese Aussagen?
Einer Antwort haben mich diese Fragen bereits 2023 nicht wirklich näher gebracht. Es ist wohl wahr, wenn Ryan sagt, dass den Rock ’n‘ Roll als tot zu verschreien, eine überzogen dramatische Aussage ist. Aber ist er so groß und innovativ wie vor 60, 50, 40, 30, ja meinetwegen sogar nur vor 20 Jahren? Gewiss nicht. Eine breite Bewegung, die innovativ und frisch voranschreitet, scheint auszubleiben. Denn Rock ’n‘ Roll sollte frei von Zwängen sein und sich dadurch immer weiter entwickeln dürfen. Natürlich gibt es den musikalischen Ursprung und auch die Definition per se. Doch ist es nicht viel schöner und eben auch befreiender dieses viel zu enge Korsett abzulegen? „Es rockt“ ist natürlich auf eine gewisse Art eine sehr platte Aussage. Aber ist mit diesen zwei Worten nicht sogleich vielmehr gesagt, als in langatmigem Gesülze? Vielleicht kaschiere ich hier auch nur meine eigene Unzulänglichkeit oder den Unwillen, mich zu akribisch hiermit auseinanderzusetzen.
Es gilt auch nicht so etwas wie Led Zeppelin oder die Rolling Stones zu kopieren. Der Rock muss nicht einmal komplett neu erfunden werden. Bekanntlich sind AC/DC mit ihrem (gewohnten) Erfolgsrezept bis hierhin sehr erfolgreich gefahren. Und wieso? Weil es eben ihr eigenes ist. Vielleicht ist es eben genau das. Eigene Ideen, Ehrlichkeit, es müssen gar keine altbekannten – sowie eingangs erwähnten – Klischees wiederbelebt werden. Diese sollen in der Vergangenheit bleiben und ein Zeugnis ihrer Zeit darstellen.
Was der Rock ’n‘ Roll braucht, ist eine neue Art von Gemeinschaftsgefühl. Eine Richtung und ein Lebensgefühl, in der man sich mit gegenseitigem Respekt begegnet. Und zusammen ein klares Ziel verfolgt – eine gemeinsam gut verlebte Zeit! Doch wir müssen es alle wollen, mehr Gemeinsamkeit, statt einsam Teile schmeißen. Und was wir brauchen, sind Bands, Künstlerinnen oder auch Künstler, wie Yungblud, Talkin‘ Secret, Sam Fender, Laurie Wright oder auch Congoroo, die sich den Themen und Missständen wieder annehmen, die zuletzt immer seltener im Rock und der dazugehörigen Szene zu finden waren. Kritische Texte im Mainstream waren mehr im Rap und Hip-Hop, zum Beispiel bei Childish Gambino oder Slowthai zu finden. Wir wollen doch alle wieder mehr überrascht werden, so wie ich, als ich 2013 das dritte Album der Babyshambles in meinen CD-Spieler schob und sich mir eine komplett neue Welt eröffnete. Rock ’n‘ roll forever!
Wer sich heute um eine Antwort betrogen fühlt oder sich näher mit dem Thema Rock ’n‘ Roll beschäftigen möchte, dem empfehle ich die Bücher Rockmusik in 30 Sekunden von Mike Evans (eine Fibel für Rockmusik) und Armageddon Rock von George R.R. Martin (ein sehr gutes Buch eines grandiosen Autors, welches eine Zeitreise in längst vergangene Zeiten ist).
Quelle: YouTube, Mando Diao

