Renes Redekiste

Interviews & Polaroid-Fotografie

Francis Rossi – Der König des Unfalls

Mit 76 Jahren noch ein Soloalbum veröffentlichen? Francis Rossi ist doch immer wieder für eine Überraschung gut! Aber nicht nur er, auch Hamburg weiß zu überraschen und präsentiert sich unerwartet winterlich.

Eisschollen schwimmen auf der Elbe und der Wind ist eisig kalt, als wir uns mit Blick über den Fluss setzen, um über Rossis Album The Accidental zu sprechen. Die Spielfreude darauf ist hörbar, denn die 14 Stücke auf der Platte strotzen nur so vor positiver Energie! Und auch Francis ist – wie gewohnt – gut aufgelegt. Wir albern etwas herum, er schwärmt von seinem Frühstück (Brötchen mit Butter) und als wir soweit sind, klappe ich mein Mitbringsel auf, ein Album mit Fotos unserer vorherigen Begegnungen.

Somit starten wir also in der jüngeren Vergangenheit, bevor wir uns dem Album zuwenden. Dies noch vorweg: Francis Rossi redet noch immer (zu) viel, wir werden von Thema zu Thema springen und uns ins Wort fallen, also ist eigentlich alles wie immer.

Das Fotoalbum

Um deine Erinnerungen etwas aufzufrischen, das Foto hier ist vom ersten Mal, als wir uns getroffen haben. Mit meiner kleinen Schwester, auf der Dachterrasse des Hard Rock Café. Ihr habt euch schön über mich lustig gemacht und hattet definitiv euren Spaß. Das war 2016.

FrancisRossiStatusQuoByRenesRedekiste

Francis: Ist irgendetwas falsch daran, wenn ich mich über dich lustig mache?
Nein!
Er bemerkt die Lederjacke, die er auf dem Foto trägt und sagt:

Ich erinnere mich an diese Jacke. Weißt du, ich habe sie in Berlin gekauft. Ich meine, es war auf der Hauptstraße vom Kurfürstendammn. Irgendwo da, wo einmal diese Kirche war. Und dort war dieser große Lederladen. Ich hatte vergessen einen Blazer zu kaufen und nun war ich hier in Deutschland. Somit ging ich in diesen Laden und gucke und gucke und gucke. Da waren hunderte und ich konnte einfach keine finden.

Und dann ist da diese Frau: „Komm mit mir.“
„Entschuldigung?“
„Komm mit mir.“

Also verlassen wir den Laden durch eine Hintertür, gehen eine Treppe hoch, betreten einen Aufzug, fahren damit nach oben, verlassen den Aufzug und gehen in diesen anderen Raum und da finde ich diese Jacke. Und ich stehe in dieser Hütte und frage mich, wo verdammt nochmal bin ich?! Ich ging also durch diese Hintertür, nur um diese Jacke zu bekommen. Ich kann diesen Laden nicht einmal mehr wiederfinden.

Das letzte Mal war mit deinem Freund Richie (Malone). Das war 2019.
Francis: Scheiße.
Zur Veröffentlichung von Backbone.
Francis: Ja, ich bin alt. Ich bin alt.

Status Quo, Richie Malone and Francis Rossi by Renes Redekiste

Der König…

Um mich auf unser Gespräch vorzubereiten, habe ich mir auch dein erstes Soloalbum aus den 90ern, The King of the Doghouse, angehört.
Francis: Das war nicht schön, denn das habe ich jemand anderen machen lassen, der für eine Weile wirklich gut war. Dann hatten wir das Lied King of the Doghouse – es war fantastisch. Und dann war es das nicht mehr, nachdem er beschlossen hatte Urlaub zu machen und jemand anderen das Abmischen der Aufnahme zu überlassen. Wie auch immer, mit dem Endresultat war ich wirklich enttäuscht. Und dann fand ich heraus, dass der Typ, der zu dieser Zeit die Produktion geleitet hat, zu einer Plattenfirma gegangen ist und denen erzählt hat: „Wir könnten ein Soloalbum mit Francis Rossi machen.“ Und er hat eine Menge Geld dafür bekommen. Zusätzlich hat er zu dieser Zeit sehr viel Ecstasy genommen. An einem Tag war er also so: „Ja, ja!“. Am anderen Tag dagegen, aargh… Er wollte sich sogar umbringen – schrecklich! Das war mir eine Lehre. Aber egal, entschuldige die Unterbrechung.

Francis Rossi im Gespräch mit Renés Redekiste

Du warst der „King of the Doghouse“. Mit der Veröffentlichung von „The Accidental“, was bist du nun? Der König der Unfälle?
Francis: Ich vermute der König des Unfalls. Der Grund, warum ich es The Accidental nenne, da waren einfach so viele Unfälle.

Die ganze Idee eine Platte zu machen, Max fragte mich ein Quo-Album zu machen.
Ich sagte: „Nein, nein.“
„Möchtest du ein Rossi-Rickard-Album aufnehmen, wie Talk Too Much?“ Aber sie hat nun Babys.
Da fragte er, ob ich ein Soloalbum aufnehmen möchte.
Und ich sagte: „Nun, nein. Platten verkaufen sich nicht wie damals. Sie zu machen kostet ein Vermögen. Und ich möchte keine Musik machen, um dabei Geld zu verlieren.“
Da sagte er: „Gut, wie wäre es, wenn ich sicherstelle, dass du kein Geld verlierst?“ Daraufhin sagte ich: „Nun gut, das ist kein schlechter Start.“

Ich sagte, dass ich bezweifle, dass ich damit Geld machen werde, aber okay, damit kann ich umgehen. Die Leute sagen immer: „Aber du hast ein Studio, du kannst Musik machen.“ Dazu sage ich nur: „Nun, ich habe einen Schwanz und kann damit spielen. Aber manchmal habe ich Lust mit jemand anderem Sex zu haben.“ Diese Vorstellung, dazusitzen und alleine Musik zu machen, nur sich selbst dabei anzuschauen, das ist einfach nicht gut. Und verschiedene Leute haben das verstanden.

Mein Gitarren- und Studiotechniker und auch mein Partner bei den Akustik-Stücken ist der Typ, der mit meinem Sohn Kieran zur Schule gegangen ist – mein Sohn Nummer drei. Meine Kinder sind alle durchnummeriert. Das ist einfacher. Und Hiran, mit ihm habe ich viele Songs auf diesem Album geschrieben. Er und Nummer drei sind zusammen zur Schule gegangen. Und einer der Unfälle in meinem Leben ist der Umstand, dass sie alle auf einmal in meinem Leben auftauchen. Weißt du, mein Sohn, der Techniker, der wirklich sehr gut mit mir arbeiten kann, er ist auch im Studio sehr gut. Und dann ist da Hiran, wir haben bereits vor ein paar Jahren etwas für ein Projekt geschrieben, welches bisher noch nicht veröffentlicht wurde. Er kam zu mir nach Hause und wir sprechen über Politik, Religion und eine Menge Scheiß. Auch über Essen. Und er sagt: „Möchtest du ein paar Songs schreiben?“ Ich sagte ihm, dass wir den ganzen Nachmittag haben, mir ist das egal. Weißt du und so haben wir drei Songs skizziert. Und dann fragt er mich, ob wir die Stücke aufnehmen wollen. Ich sagte dazu nur: „Nein, warum sollte ich das wollen?“ Wie auch immer, Max hatte mich gefragt, ob ich nicht Lust auf ein Projekt hätte. Wenn er dafür bezahlen will, bla, bla, bla, bla, bla. Am nächsten Tag habe ich dann gesagt: „Gut, wir werden ins Studio gehen.“

Francis Rossi

Er senkt die Stimme: Und ich habe mich so wohl gefühlt. Und ich weiß nicht warum, ich weiß nicht warum. Denn das war der Beginn des Ganzen. Ich kann es noch immer nicht verstehen, ob sich in mir etwas geändert hat, oder ob sich durch die Tatsache, dass ich all diese Solo-Auftritte hatte, meine Einstellung dazu geändert hat. Und ich weiß nicht, was es war. Aber dann haben wir mit dem Album weitergemacht und mehr Songs geschrieben. Einige schrieb ich mit Andy Brook und zwei mit Bob (Young). Und einen mit einem Schauspieler, den ich kenne, der hat mir einen Song geschickt. Ich denke, was geholfen hat, dass ich dieses Mal nicht in so einer demokratischen Sache steckte, wie man es oft von Bands kennt. Was… (flüstert) nicht funktioniert.
Nein?
Francis: Nein. Und wir hatten immer Qualitätskontrolle bei Status Quo. Aber es hat nie funktioniert, weil er bekommt zwei Punkte zum Verteilen, er bekommt zwei Punkte und er bekommt ebenso zwei Punkte. Und so habe ich dann Songs aufgenommen, bei denen ich damals gedacht habe, dass mir die Stücke Spaß machen. Aber nun wird mir klar, dass ich diese gar nicht wirklich aufnehmen wollte. Es wäre mir lieber gewesen, wenn ich alle Songs gemacht hätte. Aber ich bin mir sicher, ihnen wäre es lieber gewesen, wenn sie alle Songs gemacht und wir diese aufgenommen hätten. Ich wollte an diesen Punkt kommen. Ich musste keine Songs von anderen machen. Ich habe auch gelernt etwas besser zu singen, ich habe Gesangsübungen gemacht.

Neue Tricks, selber Rossi

Francis: Und wir haben den Song Things Will Get Better gemacht. Am Anfang… (er beginnt zu singen) Have we been…
Die Stimme ist etwas anders.
Francis:
Ja. Nun, ich ging also in den Live-Raum, um etwas zu singen und kam zu Andy zurück. Und sagte: „Das ist scheiße, es ist zu schwach.“ Der Gesang ist zu schwach. Wenn wir hier so sitzen, dann ist es okay. Aber wenn es vorgeführt wird und du auf einmal realisiert: Mist, es ist zu schwach. Ich kam also zurück in den Kontrollraum und dachte, wir hatten so tolle Sachen mit dem Stück gemacht. Scheiße. Was sollen wir nun machen? Also schlug ich vor, dass ich es auch so machen könnte (imitiert zu singen) Have we been this way before, ungefähr so, ja?
Ich muss anfangen zu lachen.
Francis: Du siehst, das bringt dich zum Lachen. Und da stehe ich mittlerweile drüber.

Und dann sagte er: „Das ist gut.“
„Ja, ich denke, das ist verdammt blöde“, denn weißt du, im Studio schaue ich immer auf das Deck und ich sagte:
„Ich singe (nun mit hoher Stimme) Have we been…“
Auch das habe ich gemacht.
„Prima, ja.“
Und dann sagte ich: „Das ist verdammt peinlich.“

Also haben wir das gelassen. Aber das kommt davon in einer Band zu sein, wo…
Du hast darauf gewartet, dass sich die anderen über dich lustig machen: „Ha, Francis, ha ha!“
Francis: Exakt. Richtig. Und das ist auch, was passierte, vor allem mit Leuten aus England. Dann hört man es sich am nächsten Tag noch einmal an. Und nach einer Woche, oder auch zwei Wochen später, machst du es nochmal an und der Gesang ist einfach da. Nach dem Teil wird es wieder normal (und wieder singt er). Und es fühlt sich einfach gut an. Nun hat der Gesang einfach einen anderen Timbre. Und dann habe ich so gesungen (was macht er wohl?), dieser Blues-Teil, der dann kommt und er sagte, dass das toller Gesang sei.
Nun total überrascht: Ist es? Und er sagte: „Ja man, das hat was.“ Da dachte ich „Oh“ und ich erinnere mich da an ein Gespräch mit Jeff Lynne von vor vielen Jahren, Jeff Lyne von ELO. Er kam nach Birmingham, vor vielen, vielen Jahren. Und er war in dem Hotel oder wo auch immer wir gerade Snooker gespielt haben.

Francis Rossi schaut fragend während des Interviews.

Francis bezieht sich auf das Mikrofon: „Ist das für dich eigentlich unkomfortabel, das zu halten?“

Ein wenig, aber das ist okay.
Francis:
Aah. Und ich habe mit ihm darüber gesprochen, weil ich seine Schallplatten und alles was er macht immer gemocht hatte.

Ich sagte: „Wie machst du das mit deiner Stimme?“
Und er antwortete: „Was machen?“
Ich meinte daraufhin: „Bei dem einen Song, da klingst du so und bei dem anderen wieder so. Bei einem anderen Lied denkst du, es bricht dir das Herz. Wieder in einem anderen Song bist du wütend. Und er sagt: „Nun, ich tue so, als wäre ich wer anders.“
Ich spiele also Snooker und denke mir, oh, okay.

„Bei dem Song Confusion, gibst du da vor, Roy Orbison zu sein?“ Ich spielte weiter und er sagte: „Nein.“
Und ich fragte ihn, wer dann?
Seine Antwort: „Helen Shapiro.“
„Du hörst doch dich doch gar nicht an wie Helen Shapiro.“
Daraufhin sagte er: „Ich habe nicht gesagt, dass ich versuchte wie Helen Shapiro zu klingen. Ich habe mich nur in die Lage versetzt.“

Und das habe ich entdeckt, als ich so gesungen hatte (und wieder singt er): Have we been this way before… Und was war nochmal der andere, den ich so mag? (Er kann einfach nicht aufhören zu singen): Is anybody there, does anybody care? Zunächst war das für mich nicht normal so zu singen, denn seitdem ich klein war, kopieren wir irgendwie die Amerikaner. Wir singen irgendwie so, wenn wir singen, oder nicht? Und dann singe ich einfach: Have we been this way before… Verdammt, ich bin 76 und ich habe einfach eine neue Art des Singens entdeckt, falls ich das mal brauchen sollte. Ich kann eine Hymne machen oder… (es passiert noch einmal: Er singt!)
Du wirst jetzt also zu einem Schauspieler, die schauspielende Stimme.
Francis: In gewisser Hinsicht schon. Das ist also das, was ich von Jeff Lynne gelernt habe. Und mir ist etwas klar geworden, weißt du (singt (zum letzten Mal)): Everything I do, I do it for you. Und man fragt sich so: Oh, singt er wirklich so? Ich weiß es nun nicht mehr, ich muss zu ihm hingehen und ihn fragen. Leuten zuzuhören und zu denken – oh, das könnte gar nicht ihre natürliche Stimme sein. Es könnte diese Affektiertheit sein. Wieder eine andere Sache, die ich bei diesem Album gelernt habe, ist, wie man so etwas anstellt. Und all diese vorgefassten Meinungen über Bord zu werfen, wer man ist oder was man tun und lassen sollte und wie dies sein sollte, dies kannst du nicht machen… Und nun habe ich das Gefühl, wenn ich das nicht kann, dann werde ich es verdammt noch einmal ausprobieren – er wird es auf jeden Fall ausprobieren. Solange es kein Fußball oder so ist. Ich möchte keinen Bungee-Sprung machen, nichts dergleichen.
Ich verstehe, ich auch nicht. Lass uns einfach hier drin bleiben.
Francis: Ja, ich denke auch.
Danke für den Einblick.

Ein echter ROSSI?

Ich bin hier noch über zwei andere Rossis gestolpert.
Der Erste ist dein Sohn, aber Dominic…?

Francis: Nun, Dominic ist mein Bruder und er hatte mit dem Gärtner im Garten gearbeitet. Und der Gärtner ist Dave Huxstep. Und der andere Typ, Dave Tucker, der kümmert sich ums Haus. Tatsächlich kümmert er sich gerade um ein paar Gerüstbauer, um sich mal das Dach anschauen zu können. Wie auch immer. Ich saß gerade an Go Man Go (er singt schon wieder!) und sie kamen dazu und haben ihren Teil eingesungen. Und Fursey (Rossi), er singt auf (sucht das Stück) Push Comes to Shove und auch hierdrauf (zeigt den Song auf der CD) Time To Remember. Ja, er klingt wie ich, was mich schon erfreut, aber dann frage ich mich, was würde er tun? Es ist scheinbar das Gleiche. Meine Frau sagt: „Oh oh, er klingt wie du.“ Das ist nicht so gut, oder?
(Wir müssen beide lachen) Es ist wie: Bin ich nicht besonders?
Francis Ja man. Was zur Hölle soll ich nun machen? Nein, ich bin hoch erfreut, über das, was er getan hat und jetzt ist er ein Studiotechniker, ihm geht es gut.

Mit Leon Cave und John Edwards hast du auch etwas Gesellschaft von Status Quo. Quo, Rossis, also eine echte Francis Rossi-Platte?
Francis: Oh ja, Cave hätte ich ganz klar sowie mit einbezogen. Ich habe ihn schon in zwei oder drei anderen Projekten mitmachen lassen, also wenn ich einen Schlagzeuger möchte, dann wird es Leon Cave.
Definitiv, niemand anderes!?

Francis: Nein, danke. Bis ich jemand anderen finde, aber das ist unwahrscheinlich. Ich hatte also Leon und John fragte mich, ob er auch zwei Stücke machen könnte. Und ich dachte nur: „Scheiße.“ Ich wollte das ohne diese Tendenz…, na, was auch die Leute festgestellt haben: „Ah, das ist doch schon Status Quo, nicht?“ Nein, das bin ich, danke. Der Status Quo-Kram waren die Songs, die ich geschrieben habe, die Lieder, die ich sang, die Stücke, auf denen ich Gitarre gespielt habe. John Edwards und Leon waren eben dabei und andere Leute waren da ja auch dabei. Aber der Punkt ist, die Stücke habe noch immer ich geschrieben. Und John kam ins Studio, er sollte zwei Songs machen und wieder mal, die Lernkurve – ein Unfall – ich sitze hinten auf einem Stuhl, nicht am Pult, wo er mit Andrew gearbeitet hatte und ich meldete mich einfach aus dem Hintergrund. Und hier war es so: „He!“ Also haben sie gestoppt, das Tape angehalten und… ich sage Tape, natürlich die Maschine und John fragte: „Was ist falsch? Nicht gut?“

Francis Rossi während des Interviews.

Francis: Ich sagte: „Nein, du übertreibst es.“

Er sagte: „Ah, okay.“ Nun, hätte ich das bei Status Quo gesagt, da hat er das Recht zu tun, was er für richtig hält. Es ist Status Quo. Er hat was zu sagen, da er nun auch schon 40 Jahre dabei ist, er ist der Bassist und er ist toll. Aber ich hatte das bereits gelernt und habe es hier und bei anderen Gelegenheiten bestätigt bekommen: Nicht jeder wird nur den Song spielen, nicht jeder wird sich das Lied anhören. John war manchmal so: „Der Bass klingt toll da drauf.“ Ich dachte, du hörst dir die Aufnahme an. Ich sagte nicht, hör dir den Bass an, verdammte Scheiße. Rick war da auch furchtbar, er sagte einfach: „Ich konnte gar nicht den Klang meiner Gitarre hören.“
Aber das ist nicht der Punkt.
Francis: Viele, viele Leute machen das so. Nicht jeder kann Produzent sein, denn sie hören nur auf sich selbst. Ah, das ist schwierig. Wie auch immer, ich sagte das zu John und von da an war er einfach nur ein verdammt brillanter (hält inne) Mistkerl, oh, er ist einfach nur brillant. Also habe ich dann gesagt, ach verdammt, mach doch einfach alle. Mit Status Quo wäre ich nicht an diesen Punkt gelangt, weil ich so etwas nicht zu ihm gesagt hätte. Ich hätte nicht gesagt, du übertreibst es. Denn er hätte dann gesagt: „Nun, ich denke aber, dass der Song das braucht.“ Wenn er das in diesem Format zu mir gesagt hätte, dann hätte ich geantwortet: „Nun, ich nicht.“ Und das wäre es gewesen. Da gab es also wieder eine kleine Lernkurve.
Du lernst also noch immer dazu.
Francis: Ja, in den letzten fünf Jahren wirklich viel.
Ich dachte, du kannst einem altem Hund keine neuen Tricks mehr beibringen.
Francis: Das kam bereits heute Morgen auf, als einer sagte: „Also kannst du einem alten Hund Dinge beibringen.“ Nun, offensichtlich kannst du du das, denn ich bin definitiv alt.

Francis Rossi schaut direkt in die Kamera.

Francis Rossi: „Hallo, da drüben!“

Und ich brauche ein paar neue Tricks. Denn ihr erinnert euch an meine alten Tricks, ihr Mistkerle!

Much Better

Much Better kommt mit einem schönen Gitarrensolo um die Ecke, aber das nur nebenbei
Francis: Das ist die erste Gitarre, das ist Hiran (Ilangatilike). Als wir ein Probehören in London hatten, drehte sich ein Typ um und sagte: „Das spielst aber nicht du.“ Und ich sagte: „Nein, das ist er“ und der saß neben mir. Aber ich spiele das Zweite und bei einem anderen Stück auf der Platte, da ist das Solo von Andy Brook und das zweite Solo spiele dann wieder ich. Aber normalerweise bin das ich.
Wie dem auch sei, das Solo ist großartig, aber das ist auch gar nicht die Frage, also…
Francis: Nein, es ist toll. Als Hiran noch wirklich jung war, ich meine, er war um die 13, da hat er mir ein Stück gezeigt, ich vergesse immer wie das heißt, Steve Vai spielt das. Es ist ein heißes Klassikstück. Und ich dachte: „Was zur Hölle machst du da?“ Er hat mir das beigebracht, als er zwölf oder 13 Jahre alt war – ich kann es noch immer nicht sauber spielen, aber er hatte mir das beigebracht. Aber danach habe ich erkannt, als ich versucht ihn bei etwas anderem aufzunehmen, oh, du kannst nicht im Takt spielen. Er kann spielen. Doch weil er so beschäftigt war in seinem Schlafzimmer zu üben, hat er nie zum Klick gespielt. Er hat nie im Takt gespielt, deshalb driftet er ab, sobald du versuchst, ihn in einen festen Rhythmus zu bringen.
Er so: Und tschüß!
Francis: Ja, ich sagte ihm, du musst zum Klick spielen und für die nächsten Jahre hat er mit einem Klick geübt. Er war eines dieser Kinder, das fünf Stunden am Stück gespielt hat und noch immer – wenn wir nun etwas schreiben und ich ihm dabei zuschaue, dann wird er langsamer.

Ich sage immer: „Du wirst schon wieder langsamer.“
„Was?“
„Ja.“

Also das meine ich, wenn wir arbeiten, dann mit Klick, einfach um im Takt zu bleiben. Aber da kam interessantes Zeug bei raus. Du bist einfach ein fantastischer Gitarrenspieler, aber du kannst nicht im Takt spielen. Das ist verdammt nochmal nicht gut, oder? Du kannst nicht im Takt spielen, oh Scheiße, aber er hat sich dem angenommen und hat es gelernt. Generell spielt er nun im Takt. Aber wenn es da keine Richtung gibt, keinen Schlagzeuger, keine anderen Leute im Raum, dann wird er langsamer. So ist Hiran, ein wunderbarer Junge. Hiran Ilangatilike, er ist ein amüsanter Bursche.

Um dich zu zitieren, eine Zeile aus dem Lied Much Better:
Crazy days, far away
Vermisst du die verrückten Tage?
Francis:
Nein.
Sicher?
Francis:
Positiv. Warum?
Ich weiß auch nicht, du hast so viel verrücktes Zeug durch, wie zum Beispiel Live Aid, solche Sachen, das war doch verrückt, oder nicht?
Francis:
Ja, das war wirklich verrückt. Was aber noch verrückter ist, dass die Leute denken, dass das wichtiger als alles andere ist. Wann auch immer ich eine Bühne betrete, letzten Endes ist es immer wichtig, wenn ich eine Bühne betrete.

Und als wir Glastonbury spielten, fragten die Leute:
„Oh, was werdet ihr beim Glastonbury tun?“
„Oh, wir werden den Stones-Katalog spielen.“
Was zur Hölle denkt ihr, werden wir tun – wir werden unseren Auftritt machen.
„Werdet ihr etwas besonderes für das Glastonbury machen?“
Was meint ihr damit, sind die Leute am Tag davor, oder am Tag danach nicht besonderes – was ist los mit den Leuten?

Ihr habt alle dieses Ding im Kopf, das ist das Beste, das ist nicht mein Problem. Es ist einfach nur ein anderer Auftritt und die Leute denken, wir sind komisch, aber nein, es ist wirklich einfach nur ein anderer Auftritt. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.
Das ist fair.

Zurück in die 90er?

Als ich mir The King of the Doghouse anhörte, da dachte ich: „Ja, das klingt nach einer Aufnahme aus den 90ern.“ Bläser, all sowas. Gestern habe ich dann The Accidental angemacht…
Francis (flüstert):
Und es sind Bläser drauf.
Genau, Dead of Night und ich fragte mich: „Noch einmal?“
Ich dachte die 90er sind vorbei? Wo kam das her?
Ich meine The Accidental ist nicht nur ein Album mit Quo-Einschlägen…

Francis: Nein, nein, nein. Blasmusik war schon immer dabei, seit ich zur Schule ging. Bevor ich zur Schule ging, da habe ich Saxophone und generell Blasmusik gehasst. Ich spielte Trompete in der Schule und ich hasste den Gedanken, sowas auf Platten zu haben. Und es gibt eine Menge Musik aus den 50ern, wo das Saxophon zum Einsatz kommt, weil sie sagten, das sei sexy. Ich verstehe das nicht. Ich mag es. Für mich war es für dieses Stück perfekt. Wieso hast du das gemacht? Weil ich es wollte, ich mag den Klang davon. Jetzt sage ich nicht mehr: „Das mache ich nicht.“ Was man möglicherweise im Rahmen von Status Quo oder einer anderen Band tut: „Oh nein, das können wir nicht machen.“ Das gab es schon oft, dass Leute mir gesagt gesagt haben: „Das ist keine Status Quo-Platte.“ Wirklich? Das ist komisch, denn ich habe es geschrieben, ich habe gesungen und ich spiele auf der Platte. Es ist einfach eigenartig, warum sollten sie sagen, dass dem nicht so ist. Deshalb glaube ich und habe das mit der Zeit gelernt, dass sich Leute eine Band aneignen, sie werden Fan der Band und glauben sie zu besitzen und das sagt etwas über sie aus – wer sie sind. So können sie sich mit etwas identifizieren, sie tragen diese Klamotten, du magst ein Goth- oder Heavy Metal-Anhänger sein, also trägst du eine bestimmte Uniform. Ich möchte diese Uniform nicht mehr länger tragen, ich habe sie mit 13 getragen. Es gibt da ein Bild von mir von einem unserer frühen Auftritte, (Alan) Lancaster trägt Braun, John Coghlan genauso und ich und der Keyboard-Spieler tragen ein leichtes Grau und den Windsor, sie nennen das den Windsorknoten (im Original: Windsor knot. Sonst würde die folgende Konversation keinen Sinn ergeben).
Ah ja, der Windsorknoten.

Francis: Was?
Der Windsorknoten, auf Deutsch.
Francis: Ah, Knoten, ja. Ich war bei einer dieser Veranstaltungen im Buckingham Palace und der jetzige König kam an mir vorbei und sagte: „Schön, Sie wiederzusehen, Sir.“ Reizend. Er ging weiter und dann kam er zurück und sagte (flüstert): „Ich mag den Knoten.“ Oh, es ist ein Windsor. Sie nennen es einen Windsorknoten. Oh, deshalb nennen sie es einen Windsor!
(Wir lachen wieder) Jetzt weißt du es.
Francis: Ja. Weißt du, ich war da in meiner 50ern. Ich dachte, es war ein bisschen Mod. Weil als ich 13 Jahre alt war, hat man als Mod einen Windsorknoten getragen. Oh, deshalb ist es ein Windsor. Ich verstehe schon. Jetzt habe ich es verstanden.

Francis Rossi lacht.

Wie bereits gesagt, es ist eine Rossi-Platte.
Kein Label, kein Quo, du machst einfach deinen Stil.

Francis: Nein, ich bin mir sicher, dass da Sachen sind, wo sie sagen, das klingt wie Quo. Ich bin mir sicher, dass Go Man Go und auch ein paar andere Dinge ein bisschen nach Quo klingen.
Aber du bist nicht darauf limitiert.
Francis: Nein. Beautiful World  habe ich mit Hiran begonnen und wir beendeten es mit Mr. Brook, Andy Brook. Und ich habe gesagt, dass es toll wäre, wenn wir es plötzlich so wie bei Status Quo machen. Schneller werden, die Geschwindigkeit verdoppeln und so schneller werden, also haben wir es so gemacht. Und das ist, wenn ich so drüber nachdenke, das was dem am nächsten kam. Ich habe ihm auch gesagt, dass wir das immer mit Quo gemacht haben. Und es wird dann ziemlich doll. Aber wirklich, verdammt nochmal. Doch dann (wer nun wohl singt), Beautiful, beautiful world, ist es wie Status Quo in 1968. Jeder hat so gesungen, weißt du: Beautiful world, beautiful, beautiful world. Siehst du, du kommst da schon hin!
Überall Blumen!

Ein spaßiges Interview mit Francis Rossi.

Spaß, Spaß, Spaß

Wir haben Gitarrensoli, Bläser, Backgroundsänger, gruselige, irgendwie mysteriöse Klänge am Ende von Picture Perfect und mit Push Comes To Shove gibt es ein trauriges Liebeslied.
Wie viel Spaß hattest du beim Erschaffen und bei der Arbeit an diesem Album? Wir waren da irgendwie bereits, aber… war es befreiend…

Francis unterbricht: Ja.
Dass du einfach nur du sein konntest?
Francis: Ja, um ehrlich zu sein, so ist es mit allen Dingen. Wenn du erst einmal angefangen hast – ich bin da nicht reingegangen und habe jeden Tag gedacht: „Wow, das ist befreiend!“ Aber offensichtlich, wenn es mit Picture Perfect losgeht, das gesamte Intro, ich habe das einfach auf dem Weg vom Haus zum Studio geschrieben. (Er „spielt“ es erneut) Verdammt – das wäre gut. Also bin ich zu Andrew gegangen – ich habe das hier für Picture Perfect – lass uns das hier platzieren, lass es mich versuchen und das auf der Gitarre machen. Wunderbar, diese Freude dabei.
Du warst einfach in der Stimmung.
Francis: Ja! Und der folgst du einfach.

Gut, wenn du Sachen mit einer Band machst, dann ist da vielleicht noch wer anders, ein Produzent, der sagt:
„Nein, wir müssen das hier zuerst machen.“
„Nein, ich muss das jetzt machen, verpiss dich.“ (lacht)
So mache ich das mit Brook und er geht da schnell mit mir.
Ich sagte ihm: „Ich brauche diesen Schimmer.“
„Fabelhaft! Aber schau da später noch einmal drüber.“
Und wenn du dann zurückkehrst: „Wow, das ist so gut!“

Und es ist mir egal, ob die Leute damit einverstanden sind oder nicht, es wäre natürlich schön, wenn sie dem zustimmen.

Francis Rossi an der Luftgitarre.

An der Luftgitarre: Francis Rossi

Letzte Frage: Interviews, Fotos – Ärgernis oder noch immer Freude?
Francis: Oh nein, ich genieße das ungemein in diesem Moment, deshalb rede ich auch so viel. Ich bin einfach… irgendetwas ist da nochmal passiert in den letzten fünf, sechs Jahren, als ich mit den Solo-Shows angefangen habe. Die ersten Auftritte waren wirklich nur Unterhaltung, weißt du, ich drei Stunden am Reden. Was wirklich verdammt einfach ist, denn ich höre nicht auf zu reden, komme vom Thema ab, das sieht dann in etwa so aus: „Oh, das erinnert mich an“ und schon bin ich ganz woanders. Und dann haben wir Tunes and Chat gemacht, zum ersten Mal und das ging über zwei Stunden. Da wurde mir schon gesagt, dass ich das etwas zusammenschnüren sollte, denn ich würde nur müde werden. Aber ich genieße das wirklich, also rauszukommen und das zu machen – ich wollte wirklich nicht nach Deutschland kommen, weil ich keine Lust hatte, ein Flugzeug zu besteigen. Ich wollte nicht im Hotel absteigen. Wenn ich das noch einmal mache, dann komme ich mit dem Bus. Die Vorstellung, dass ich heute Abend wieder nach London fliegen muss, oh verdammt, ich habe da keine Lust drauf. Ich hasse es. Ich hasse das Ganze, dieser Zirkus ums Fliegen. Was wirklich mal so toll war, du kommst zum Flughafen, steigst in das Flugzeug und du haust ab. Nun hat der Flug wahrscheinlich Verspätung, nicht, weil sie mittlerweile immer Verspätung haben. Also insgesamt habe ich die letzten paar Tage sehr genossen und ich sollte mich daran erinnern.

Francis Rossi with Renés Redekiste

Ich hoffe, ihr habt das Gespräch ebenso genossen!

Text, Interview und Polaroid-Bilder: René Biernath
Bilder: Jan Iso Jürgens – IsoluxX Fotografie

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