Renes Redekiste

Interviews & Polaroid-Fotografie

Thorsten Nagelschmidt und Lambert: Ein Weihnachtsmärchen

„Oh, guck mal!“
„Na du kleiner Fratz!“
Ich umarme meinen ehemaligen Mitbewohner von hinten, der sich überrascht im Sitzen umzudrehen versucht. Ein anderer Mann am Tisch schaut verwundert auf die sich vor ihm abspielende Szene, es ist:
Thorsten Nagelschmidt.

Und eben ihn meinte meine Begleitung eigentlich, sind wir doch heute auf Kampnagel, um seine „Große Weihnachtsrevue“ mit Lambert zu genießen, dem Pianisten mit der sardischen Maske. Doch heute Abend betritt er die Bühne ohne diese. Lambert setzt sich ans Klavier, seine Maske dort bereits auf ihn wartend. Thorsten Nagelschmidt nimmt hingegen am kleinen Lesetischchen Platz. Ein Laptop, ein Exemplar seines aktuellen Buches Nur für Mitglieder (Thema: Weihnachten und/oder 86 Stunden mit den Sopranos) eine Kladde, eine Gitarre nahe dem Klavier und natürlich ein Mikrofon sind seine Instrumente des Abends.

Und schon beginnt die große Weihnachtsflucht mit Zwölf Uhr mittags. Wir werden ins Buch mitgenommen, nach Gran Canaria, lernen das Hotel Barceló Margaritas und natürlich Die Sopranos näher kennen. Somit wird uns folgerichtig auch Tony Soprano vorgestellt, stilecht im Feinripp. Viele Fans der Serie scheinen sich nicht im Publikum zu finden und vermutlich ist das Ganze durch den unvoreingenommenen Eindruck nur umso unterhaltsamer. Eine fröhliche Schimpftirade bringt uns die Vulgarität der Serie näher, ein plötzliches „I love you“ leuchtet hell inmitten des Gefluches auf, um sogleich im nächsten Moment wieder grob beiseitegeschoben zu werden.

NIE Wieder Weihnachten (in Deutschland)

Quelle: YouTube, Clouds Hill Music

Natürlich besteht die Weihnachtsrevue nicht nur aus erheiternden Clips, Fotos und etwas gutem Smalltalk und deshalb kommt es nun zur nächsten musikalischen Einlage. Nie wieder Weihnachten. Endlich? Zu früh? Genau richtig. Der Song, der bestimmt kein Weihnachtssong sein soll, aber das Zeug dazu hat. Die einen sanft an der Hand nehmende Klaviermelodie, dazu Nagelschmidts Sprechgesang, und der zum Schluss auf Einladung sich formierende (Weihnachts-)Chor: Nie wieder Weihnachten in Deutschland.

Spätestens hier bekomme ich eine Ahnung, was das Ganze mit mir macht. Weihnachtsstimmung, die sich schon in den letzten Wochen auf perverse Art in mir breitgemacht hat, kommt auf. Schuld war in den letzten Wochen der kleine Weihnachtsmarkt neben dem Büro, in dem ich arbeite, der mit einer unglaublich vielseitigen Playlist aufwartete, gefühlte zehn Songs und diese im Loop. Es mögen zwei, oder drei mehr sein, aber würde ich Strichliste führen, wie oft ich in den letzten Tagen What a Wonderful World hören musste…, dazu die wirklichen Weihnachtbanger, wie bereits gesagt, eine perverse Art der Weihnachtsstimmung. Die Weinschorle ist kalt, der Saal dunkel, das Geschehen auf der Bühne gut ausgeleuchtet, es gibt keine Weihnachtsdeko und doch, irgendetwas hängt hier in der Luft. Und es ist nicht nur der leichte Schwips.

EDEKA

Es wird erzählt, hier und da eine Anekdote aus dem Buch aufgegriffen und irgendwie landen wir bei der EDEKA, die uns Die beste Werbung der Welt beschert hat. Es ist wirklich bös kitschig, was hier 2015 im TV für einen solchen Wirbel gesorgt hat. Der Opa-Trick, der alle zusammenbringt, sorgt für Tränen in der Kommentarspalte von YouTube. Ebenso für reichlich Gelächter im Saal, nun aber indirekt, denn sich aus der Kommentarspalte vorlesen zu lassen, ist ein wahrer Genuss. Vielleicht ist es etwas voyeuristisch und manches Mal möglicherweise gemein, aber was sich dort finden lässt, ist zum einen schwer nachzuvollziehen oder zum anderen völlig am Leben vorbei. Die Live-Darbietung des Songs ein eben solcher Spaß. „Wie hätte ich euch denn sonst alle zusammenbringen sollen, hm?!“ Ein Singsang beim dritten Wiederholen der Phrase, Thorsten Nagelschmidt hier herrlich mit dem leichten Wahnsinn spielend.

Der Weihnachtswahnsinn. Der Wahnsinn des umgesetzten Kapitals in dieser Zeit, das Spielen mit solchen Emotionen, um am Ende auf den Ort hinzuweisen, der anscheinend all dies möglich machen soll. Ein Supermarkt, der für einen reich gedeckten Tisch und eine volle Hütte sorgt. Natürlich, klar. Danke EDEKA!

Quelle: YouTube, EDEKA

Die Geister der Weihnacht

Doch es wird auch weiter zurückgeblickt. Sei es das Weihnachtsfest 1986, an dem Nagelschmidt sich stolz mit der neuesten Scheibe von Duran Duran der Kamera präsentiert. Und noch viele Jahrzehnte davor, mehr als ein halbes Jahrhundert, war der Sinn des Weihnachtsfestes bereits durchdacht und benannt worden. Der Klebstoff eines Landes – Weihnachten, das deutsche Fest!? Das Weihnachtsfest im Wandel der Zeit. Und so fügt sich mit jedem Fragment des Abends ein weiteres Puzzleteil zu dem großen Ganzen namens Weihnachtsflucht zusammen.

Das unerwartete Highlight heute ist das Stück Gedächtniskirche. Hier geht es erneut nur wenige Jahre zurück: 2016, der Anschlag am Berliner Breitscheidplatz. Das Herangehen an diese Buchpassage. Alles so nah, so intim. Lambert klopft uns vorsichtig in das Lied hinein, Nagelschmidt hat die Gitarre umgehängt und los. Lesegruppe, die Nachrichten über den Breitscheidplatz, ein Abriss der folgenden Ereignisse. Gefühle, die sich schwer in Worte fassen lassen. Doch mit der Hilfe von Nick Cave heben die beiden Künstler den Song auf die nächste Ebene: „I’m transforming, I’m vibrating, I’m glowing, I am flying – look at me now…“ Fassungslosigkeit und Trauer. Tränen, Religion. Weihnachten, die dazugehörige Flucht. Nur ein einziges Wort würde dem Ganzen nicht gerecht werden.

Quelle: YouTube, Clouds Hill Music

Um die Weihnachtsüberraschungen nicht zu verderben, soll es bei diesen ausgepackten Geschenken bleiben. Es ist ein ungeahnt persönlicher, ja tatsächlich schon intimer Abend und das nach (!) Der Abfall der Herzen. Lambert glänzt nicht nur am Klavier, sondern ebenso als Helena oder auch Housekeeping, Nagelschmidt dagegen am Mikro, als Unterhalter und als einer der besten Künstler, den wir haben. Seien es seine Bücher, die Symbiosen von Musik und Lyrik innerhalb und eben auch außerhalb des Muff Potter Kosmos. Denn heute Abend hat er bewiesen, dass Kunst nie in nur eine Richtung gehen muss. Liedermacher Thorsten Nagelschmidt?!

Nach der Konzertabsage für Köln, sowie der Umverlegung in Bremen, mochte man schon besorgt von einer kleinen Weihnachtsrevue sprechen. Doch der Abend im Saal K1 beweist, wer zu Hause blieb, hat was verpasst. Vorab die große Diskussion, gibt es nicht einfach zu viele Termine im Dezember? Die große Weihnachtsrevue, die es heute zu sehen gab, stellt die Gegenfrage: Was gibt es denn bitte Besseres zu tun?!

Abschließend bleibt noch die große Frage: Gibt es ein Entrinnen? Kann die Weihnachtsflucht gelingen? Nach der Revue ernten wir anerkennende Worte für unsere Weihnachtspullover. Stolz präsentiere ich Thorsten meine Socken und er zieht nach. Auch hier, Weihnachten. Frohes Fest.

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