Renes Redekiste

Interviews & Polaroid-Fotografie

AIN’T UR ENN!

Eine mir bis vor kurzer Zeit nicht bekannte Newsletter-Verbindung brachte AIN’T UR ENN in das Postfach der Redekiste. Sein Sound? Frisch, ungewohnt, schnell und jung. Doch zu dem Song, der mich sogleich angefixt hat, komme ich später. Nur so viel: Dieser hört auf den Namen A Corpse Is Lying In My Bed. Als das Album Languish Ende Mai auf Tomatenplatten erschien, hat mich die Bandbreite der Platte umgehauen. Denn hier wird schnell geballert, verträumt die Akustik-Gitarre bearbeitet und auch mal lässig mit dem Kopf genickt. Katzengejammer trifft auf einen Drumcomputer und Ennio De Caro, wie AIN’T UR ENN im wahren Leben heißt, hat seinen Spaß im Tuning-Dschungel.

Quelle: YouTube, AIN’T UR ENN

Nun, zwei Wochen später, treffen wir im Monbijoupark in Berlin aufeinander. Der Sommer hat die Hauptstadt fest im Griff, ich habe im Vorwege noch eine Akustik-Gitarre für eine kleine Session im Park organisiert und mir damit zumindest einen kleinen Live-Eindruck gesichert. Der junge Schweizer und sein amerikanischer Bandkollege Calvin Lundin warten bereits in der Sonne und nach einer kurzen Vorstellungsrunde setzen wir uns unter einen schattenspendenden Baum.

Ich spreche die Tatsache an, dass er gerade erst, mit 19 Jahren, mit seiner Live-Band bereits in Berlin im Schokoladen gespielt. Denn zugegeben, ich bin beeindruckt und somit beginne ich wie folgt das Interview: 

Ganz schön abgefahren. Du hast jetzt ja deine zweite EP, oder dein zweites Album, mit 19 rausgehauen. Da frage ich mich: Wann war deine erste bewusste Berührung mit Musik, dass du sagst, ja, daran erinnere ich mich.
Ennio: Musik war im Haushalt schon immer irgendwie ein Thema. Mein Vater ist Rapper. Und meine Mum liebt halt Musik. Ich glaube, meine früheste Erinnerung muss wirklich… Ich weiß nicht, wann das war, ich weiß nur noch, dass auf dem PC dieses (Wimoweh (Mbube) imitierend) Lied lief. Und ich muss da gerade eins gewesen sein oder so, also es ist wirklich ganz, ganz tief in der Kindheit. Das ist so das Früheste, an das ich mich erinnern kann. Dann weiß ich noch, Weihnachten, kurz bevor ich zwei wurde, dass da Stadium Arcadium von den (Red Hot) Chili Peppers lief. Das war meine erste Berührung mit so einer richtigen Band. Und dann so mit 3 kamen dann auch noch Kings Of Leon und so hinzu. Ja, das waren so meine ersten… Ich erinnere mich nicht an viel aus dieser Zeit, weil nicht viele Leute erinnern sich an diese Zeit, aber wenn es um Musik geht, habe ich irgendwie gewisse Schnipsel im Kopf, die wirklich weit zurückgehen. Manchmal gucken wir mit der Familie so alte Videos und dann sehe ich, oh damn, ich war da halt wirklich erst ein Jahr alt, als diese Schnipsel, die ich im Kopf hab‘, stattgefunden haben. Das war so der erste Berührungspunkt mit Musik. Und ich habe auch angefangen, wirklich Musik machen zu wollen, als ich noch sehr klein war. Mit 3 habe ich so ein Kinderschlagzeug bekommen, mein Opa hat mir eine Kindergitarre geschenkt und ich habe immer überall drauf rumgeklimpert und rumgedroschen.

Ähm, ja, es wurde dann erst seriös, als ich mit 8 angefangen habe, richtig Schlagzeug zu spielen, aber Musik war schon immer eigentlich etwas vom wichtigsten in meinem Leben, die ganze Zeit omnipräsent war Musik.

AIN’T UR ENN

Du machst ja im Endeffekt alles alleine. Macht das die Musik auch irgendwie einsam?
Ennio: Nee. Am Anfang hat sich das so angefühlt. Also ich habe schon ganz lange Musik selber komponiert, aber richtig angefangen habe ich so mit 15. Am Anfang wollte ich eine Band haben, habe halt niemanden gefunden, weil in Luzern die Szene so klein ist, dass man in meinem Alter niemand finden konnte – immer noch nicht – um eine Band zu gründen. Zuerst wollte ich halt irgendwie so ein Bandleben genießen, darum habe ich erstmal um die 50 Songs oder so gemacht und das hat sich schon ein wenig einsam angefühlt. Auch wenn ich es nur für mich gemacht habe, teilweise waren da auch Songs darunter, wo ich wollte, dass andere Leute drauf singen und so – das konnte da nicht passieren. Irgendwann habe ich mich dann entschieden, dass es halt ein Solo-Projekt sein sollte und ab da ging das einsame Gefühl weg. Jetzt ist es umso weniger einsam, weil ich ja meine Songs mit einer Band umarrangiere für Live-Situationen und mit ihnen ja dann auch zusammen spiele. Das heißt, ich habe dieses Band-Gefühl und das Solo-Gefühl beides in einem. Also ja, es war mal da dieses Gefühl, aber auch nicht zu stark und mittlerweile ist es eigentlich komplett weg.

Ain't Ur Enn im Monbijoupark

Könnte das auch ein Grund dafür sein, dass sich das Ganze intensiver anhört? Also was holst du da aus dir raus? Was gräbst du da an die Oberfläche? Es ist ja alles oft sehr direkt und stark.
Ennio: Ja, das sind alles Momentaufnahmen. Es gibt ganz ganz wenige Ausnahmen, wo ich Songs wirklich vor längerer Zeit geschrieben habe und dann neu aufgenommen habe und ein wenig daran gewerkelt habe. Aber so in 99 % der Fälle mache ich ein Riff und dann dreieinhalb Stunden später steht der ganze Song mit Text. Die ganzen Aufnahmen sind fertig. Auch auf dem neuen Album Languish ist jeder Song eigentlich eine Momentaufnahme. Ich habe den Song gerade vorher geschrieben und dann ist die Aufnahme, die man hört, wirklich drei Stunden nach der ersten Songidee (entstanden). Darum: Es ist so ehrlich, wie es nur sein kann. Ich stelle mir keine Ziele, ich stelle mir keine Grenzen. In einer gewissen Weise fühlt es sich ehrlicher an, als ich es mit Sprache sein könnte. Ich liebe es, mich mit Musik auszudrücken. Es kommt einfach aus meinem Herzen. Am Anfang war das natürlich schwierig. Ich musste mich zuerst irgendwie reinfinden in das ganze „Was ist das eigentlich“, das Musikmachen und so. Mittlerweile ist es einfach nur ein Prozess, um mich genau in dem Moment so ehrlich wie möglich auszudrücken und da scheue ich mich auch vor nichts. Es gibt ja mega viele Songs, die nicht draußen sind. Da ist auch teilweise mega crazy Stuff dabei. Was sich auch ganz anders anhört als das, was man auf Spotify und Platte hört. Darum, ja. Ich glaube es ist eher das Ding, dass ich mich nicht verstelle, aber es gibt dann doch einen Prozess, wo ich mich dann ein wenig herausfilter‘. Das sind dann einfach die Songs, die herauskommen und die Songs, die bei mir im Tresor bleiben. Das ist dann das, wo ich dann ein wenig schaue, was will ich von mir geben und was will ich lieber nur bei mir behalten. 

Aber sonst gebe ich einfach…, das ist einfach ich, was man hört in diesen Songs.

Ich hoffe, ich habe die Frage irgendwie beantwortet.

Languish

Ich habe ein nettes Presseblatt zu deinem Album bekommen: „Die erste Trennung wird in Musik gegossen.“ Das ist natürlich stark geschrieben. Weil wir gerade bei dieser Intensität waren. Was bedeutet Languish denn für dich, also die Platte?
Ennio: Languish hat einen ganz speziellen Platz in meinem Herzen. Ich habe Languish letzten Sommer aufgenommen und die Tracks, die man hört, sind alle in einem Zeitraum von zwei bis vier Monaten nach der Trennung entstanden. Und ich glaube, das war wirklich die Zeit, wo ich dann langsam verstanden habe, was Kunst und Musik machen eigentlich ist. Ich hatte so viele emotionale Erlebnisse in dieser Zeit, das war, glaube ich, die bisher emotionalste Zeit meines ganzen Lebens. Auf beiden Seiten, weil einerseits habe ich mega viele Sachen verloren in dieser Zeit und kam eigentlich praktisch nicht drüber hinweg. Auf der anderen Seite konnte ich plötzlich für die Beatsteaks spielen und ich habe Leute getroffen. Ich konnte Gigs spielen und wenn ich zurückdenke – ich bin ein sehr nostalgischer Mensch – die Songs, die ich auf dieser Platte höre, die versetzen mich sehr stark zurück in diese Zeit. Ich habe viele Songs davon auch in Holland aufgenommen. Ich bin halber Holländer und meine Oma wohnt in Holland. Ich habe die Hälfte der Platte bei ihr aufgenommen. Ich habe diese Szenen noch genau in meinem Kopf, wenn ich die Songs höre, wie ich da die Songs aufgenommen habe und dann gehört habe, auf Repeat und mit dem Rad durch die Gegend gefahren bin. Bei den Platten, die ich davor gemacht habe, ist das Gefühl weniger intensiv als dieses nostalgische Gefühl bei Languish. Ich bin sehr stolz darauf, weil mit diesem Album habe ich so ein wenig verstanden, was das alles bedeutet, was ich hier mache. Ich hatte da schon um die 300 Songs gemacht, das heißt, ich bin wirklich mega tief in diesem kreativen Prozess drin gewesen, um herausfinden, was das eben eigentlich alles bedeutet. Und mit diesem Album ist sehr viel passiert bei mir. Darum bedeutet Languish mir unglaublich viel in dieser Hinsicht.

Ain't Ur Enn

Whore, ist das Stück nicht eigentlich viel zu krass? Oder war das halt einfach so?
Ennio: Dieser Song ist tatsächlich einer der ganz wenigen Songs von diesen neuen, die nicht wirklich direkt etwas mit der Trennung zu tun haben. Also für mich hat Kunst keine Grenzen und wie gesagt, ich bin so ehrlich wie ich sein kann in diesen Songs, ich will mich nicht verstellen, ich transkribiere einfach meine Gefühle dann in diesen Song rein. Whore ist einer meiner Lieblingssongs auf dem Album, vielleicht genau, weil er so emotional ist und weil ich da so viel gefühlt habe. Vielleicht mag es für einige ziemlich extrem sein, aber wenn ich es gut finde, dann interessiert es mich nicht, ob das für andere zu extrem ist oder nicht. Das ist lustig, dass du das ansprichst, als ich diesen Song gemacht habe, habe ich das einer Kollegin aus New York geschickt und habe zu ihr gesagt, guck mal, dieser neuen Song, den ich gemacht habe. Dann hat sie gesagt: Whore, ich weiß nicht ob du einen Song so nennen solltest. Und dann habe ich wirklich kurz gedacht, ob ich den Song verwerfen oder umbenennen oder die Lyrics irgendwie ändern soll. Aber es hat alles einen Grund, warum das so heißt  wie es heißt und warum die Lyrics so sind, wie sie sind. Die sollten eigentlich auch extrem sein, es sollte dieses Gefühl bei diesen Personen auslösen. Der Song existiert aus dem Grund, das ist alles recht bewusst was ich da gemacht habe. Darum, ja, für mich gibt es keine Grenzen. Darum würde ich sagen: Zu extrem eher nicht.

Quelle: YouTube, AIN’T UR ENN

A Corpse Is Lying In My Bed – Alter, wo kommt dieser Strokes-Einschlag her?
Ennio: Jeder sagt die ganze Zeit Strokes und so, was auch stimmt, weil ich bin ein riesiger Julian Casablancas-Fan, ich habe alle Strokes-Platten, aber in dieser Zeit habe ich vor allem The Voidz gehört. Und es gibt einen Song namens Human Sadness, da gibt es eine Chord Progression, also eine Abfolge von Akkorden und die zählt zu Julians Lieblingsakkorden. Mir ist das schon mit 13 aufgefallen, dass er diese Melodie häufig benutzt, bevor ich überhaupt wusste, was ein Akkord ist. Und ich habe mich bewusst dafür entschieden, dass ich einen Song machen wollte, der diese Akkorde benutzt. Ich wollte kein Rip-Off oder so machen, ich wollte meine eigene Version mit diesen Akkorden machen. Und ich denke auch, dass dieser Vergleich zu den Strokes nicht vom Sound des Songs kommt. Schon klar, ich sing sehr wie Julian auf diesem Song, auch mit den Verzerrungen auf meiner Stimme. Aber ich glaube, das kommt wirklich unbewusst von dieser Folge von Akkorden, weil er das halt auch bei x-Songs benutzt hat. Die Inspiration kommt hauptsächlich von den Voidz, aber es ist bewusst auch eine kleine Hommage an ihn gewesen. Ja, das war einfach die Zeit, wo ich mega into The Voidz war.

Das erste Album Tyranny ist eines meiner Lieblingsalben, die es jemals gibt. Ich finde, das ist besser als alles, das er jemals mit den Strokes gemacht hat.

Das ist eine große Ansage. Textlich hat es natürlich nichts mit The Strokes zu tun. Natürlich, das ist auch ein klassischer Break Up-Song, aber dieser Strokes-Einfluss kommt sehr bewusst in diesen Song rein, auf jeden Fall.

Vorbilder und Freunde

Wir haben jetzt gerade schon über Vorbilder gesprochen. Mit wem würdest du denn gerne mal Musik schreiben?
Ennio: Mit John Frusciante vielleicht. Obwohl das wahrscheinlich sehr schwierig wäre, weil er ja ein mega spiritueller Mensch ist und seine Musik sehr spirituell geladen ist. Aber das wäre eine Erfahrung. Ich denke nicht, dass es jemals passieren wird, aber wahrscheinlich würde ich gerne mal mit ihm irgendwas schreiben. wenn ich jemanden auswählen müsste.

Ich bin jetzt ja durch einen Riesen-Zufall über Tomatenplatten auf dich gestoßen. Wie bist du auf die oder wie ist Thomas (Götz) auf dich gestoßen?
Ennio: Das ist eine Riesenstory, ich versuch‘ mich so kurz wie möglich zu halten. Ich kannte die Beatsteaks schon aus der Kindheit. Cut Off The Top und so lief quasi rauf und runter, als ich klein war. Also Smack Smash war eben vor meiner Zeit, ich bin ja 2005 auf die Welt gekommen. Ich hab die Beatsteaks mit Cut Off The Top kennengelernt, hab‘ sie nachher aus den Augen verloren, weil ich andere Musik hörte. Mit 13 bin ich dann aus Zufall wieder auf Hello Joe gestoßen und ich konnte mich an diesen Song aus meiner Kindheit erinnern, weil wir den dann auch irgendwie gehört haben, im Haushalt und so. Ich war zu dem Zeitpunkt noch überhaupt nicht in diesem ganzen Punk-Ding drin, ich hab mega viel Indie gehört, Mando Diao zum Beispiel, Arctic Monkeys und diese ganzen Bands und konnte eigentlich mit härterer Musik noch nicht viel anfangen. Die Beatsteaks waren, sozusagen, eigentlich meine Tür zu Punkrock, Hardcore und diesen ganzen Sachen. Ich hab‘ dann quasi ein Jahr lang nur Beatsteaks gehört, ich war ein super Fan, ich hab wirklich alle Interviews geguckt und alles. Das passiert mir eigentlich immer wieder bei Bands, dass ich dann plötzlich eine Phase habe, wo ich mich eine lange Zeit nur mit dieser Band und deren Historie beschäftige. Dann kam Covid, ich wollte sie unbedingt live sehen, weil alle sagten: Beatsteaks sind so gut live. Ich hab‘ alle Livevideos geguckt und dann war erst mal Stillstand. Dann habe ich sie ein paar Mal gesehen, Thomas hab‘ ich zum ersten Mal getroffen am Gurtenfestival in Bern, vor zwei Jahren. Da war Calvin, mein Drummer tatsächlich auch dabei. Thomas hat mich wahrgenommen, weil wir irgendwie Air-Drumming gemacht haben, während dem Konzert und dann hat er uns am Ende des Konzerts Sticks gegeben.

Ain't Ur Enn und Calvin Lundin

Ennio De Caro mit Calvin Lundin…

Arnim hat mir das gesagt, als ich mit ihnen gespielt habe. Und da hat er sich anscheinend irgendwie mein Gesicht gespeichert. Ungefähr ein Jahr später hat er dann mit seinem Nebenprojekt NinaMarie in Aarau gespielt und da wollte ich unbedingt hingehen, einfach auch, weil ich das mir mal unbedingt reinziehen wollte. Nach dem Konzert wollte ich ihm einfach mal die Hand schütteln, weil ich hab ihm beim Gurtenfestival nur zwei Minuten kurz Hallo sagen können. Und weil ich halt so ein riesen Beatsteaks-Fan bin, war das natürlich etwas, was ich mir nicht wirklich entgehen lassen wollte, wenn ich mal so jemanden treffen kann. Wir haben richtig lang geredet, wir haben mega viel über Musik geredet, die Konversation war so lange, dass dann mein letzter Zug schon gefahren war. Mein Vater musste mich abholen und lustigerweise war in seinem Kofferraum noch die erste Platte von mir, die Summer/Winter Edition. Die hab ich dann natürlich Thomas weitergegeben, so im Sinne von: „Hey, wenn du willst, hör dir das mal an, ich schenk dir die Platte, vielleicht gefällt dir ja was.“ Ja und dann, zwei Monate später, kam die Booking-Anfrage rein, dass wir für die Schweiz-Konzerte mit den Beatsteaks spielen sollten. Das war wahrscheinlich einer der aufregendsten Momente meines Lebens. Diese Nachricht, ich war da noch in der Schule – das war wirklich abgefahren. Die Tour, die Konzerte, die wir gespielt haben, waren ziemlich gut, wir waren mega tight – soweit ich mich erinnern kann. Es war mein siebtes Konzert, also das erste Konzert mit den Beatsteaks, das heißt, das war wirklich ziemlich früh, aber ich denke, wir haben uns – oder ich hab mich – ziemlich gut geschlagen. Nach der Tour habe ich am letzten Tag dann auch noch ein wenig mit denen geplaudert, weil ich sie dann auch mal richtig treffen, mal richtig Hallo sagen wollte. Und dann hab ich Thomas das Demo von Languish geschickt. Also mit Demo meine ich die ungemixte Version, die Tracklist war noch etwas anders und so. Dann hat er mir einfach gesagt, jo, wenn ich will, kann er mir ein Label anbieten, was dann Tomatenplatten war. Das ist natürlich eine Riesen-Ehre für mich. Seitdem hat sich das dann alles so ein wenig eingependelt, die Beatsteaks-Connection ist mega krass. Es war zuerst ziemlich surreal, aber weil das jetzt auch schon so eine Weile her ist und weil ich jetzt auch recht viel im Kontakt mit Thomas war und so, fühlt es sich mittlerweile schon auch ziemlich kollegial an. Ich bin aber immer noch ein Riesen-Fan der Band, was auch der Grund ist, warum wir jetzt noch in Berlin sind, weil morgen sind die Geburtstagskonzerte und diese Setlisten will ich mir auf jeden Fall nicht entgehen lassen Ich freue mich sehr fest darauf und ich bin unglaublich dankbar für die ganze Arbeit, die Thomas in dieses Projekt reingesteckt hat, weil das natürlich nicht selbstverständlich ist. Vor allem am Anfang war das eben mega surreal, dass der Drummer von meiner liebsten deutschen Band Labelstuff für mich macht. Aber ja, das ist so die Kurzfassung der Beatsteaks Geschichte (lacht).

Du hast dich letztens auch in einem Instagram-Post bei einigen Leuten bedankt, zum Beispiel bei deinen Eltern. Wie sehr unterstützen dich deine Eltern bei dem Ganzen?
Ennio: Meine Eltern sind ein Riesenteil meiner musikalischen Karriere im Sinne von dass sie schon immer gesehen haben, dass da irgendwas in mir rumschwirrt, was raus muss. Ich hatte es nicht leicht in der Schule, aus verschiedensten Gründen und ich konnte mich nicht in dieser Arbeitswelt einleben. Ich konnte nicht noch mehr Schule machen, irgendwann ging es einfach nicht mehr. Sie haben mir lange Pause gegeben mit diesem ganzen Zeug, um mich zu finden und das war eine sehr wichtige Periode für mich, weil ich da auch wieder 150 Songs geschrieben habe und einfach mega viel übers Musik machen und über meine Träume herausgefunden habe. Und sie unterstützen mich natürlich finanziell, weil ich arbeite gerade im Radio und da mach ich nicht genug Geld, um alles hier finanzieren zu können. Aber es geht weit über das Finanzielle hinaus, auch schon alleine der emotionale Support den sie mir geben, sie verstehen, was ich machen will. Ich hab das Gefühl, das ist unglaublich selten, dass es Eltern gibt, die wirklich das künstlerische Potenzial der Kinder sehen und das dann fördern. Und nicht sagen, du musst jetzt irgendwie einen hohen Schulabschluss haben oder keine Ahnung was. Sie sehen halt das Talent, was eben auch wirklich da ist, sie wollen nicht ihre eigene Interessen in mich reinquetschen. Sie unterstützen mich überall wo sie können. Mein Vater hat natürlich auch mega viel für mich gemacht, vor allem am Anfang, weil er einige Connections hatte, aus dem ganzen Rap-Stuff und meine Mutter halt auch. Sie ist auch begeistert von meiner Musik und tut alles dafür, dass ich mein Ziel erreichen kann. Ja, ich bin unglaublich dankbar, ohne meine Eltern hätte ich zum Beispiel Thomas nicht getroffen, ohne meine Eltern hätte ich meinen ersten Gig nicht spielen können, ohne meine Eltern wäre Calvin jetzt gerade nicht hier. Das ist alles meinen meinen Eltern zu verdanken und sie sind in dem Sinn schon meine größten Supporter.

Ain't Ur Enn und Calvin Lundin

…im Monbijoupark.

Du hattest eben bereits Calvin erwähnt.
(Ich wende mich an Calvin) Seattle also… – was ist passiert?

Calvin (lacht): Also, 2021 haben Ennio und ich uns auf Twitter kennengelernt. Ich bin ihm zufällig gefolgt und der Grund, warum das Ganze so zufällig war, ist folgender: Mein Vater ist Schwede und deshalb stehe ich auf eine Menge schwedischer Band. Ennio hat bereits Mando Diao erwähnt, ich stand auf Mando Diao und er auch. Also sind wir einander gefolgt und kamen ins Gespräch. Und er zeigte mir eine Menge deutscher Bands, die ich natürlich nicht kannte. Er zeigte mir die
Beatsteaks, Madsen, einfach eine Menge Bands der 2000er und späten 90er. Und so haben wir irgendwie zusammengefunden. Und diese Verbindung verstärkte sich noch, als wir herausfanden, dass wir beide selbst Musik machten. Ich spielte Schlagzeug und er auch und so waren wir einfach Online-Freunde. Und dann, 2023, war ich mit meinen Eltern im Urlaub in der Schweiz. Ich hatte Ennio davon erzählt und er war sofort Feuer und Flamme und meinte, dass wir uns treffen müssen. Wir können diese Chance nicht verschenken! Also habe ich meine Eltern gefragt, und sie haben es erlaubt. Unter der Bedingung, dass wir in Zürich bleiben und nicht nach Luzern fahren. Es ist immerhin irgendein Typ aus dem Internet. Aber natürlich fuhren wir direkt mit dem Zug nach Luzern, damit wir Musik machen konnten. Und so waren wir vier Stunden zusammen und haben eine halbe Stunde davon Musik gemacht. Dann musste ich auch schon wieder los, da ich zurück zu meinen besorgten Eltern musste. Aber wir haben zusammen gespielt und es war einfach großartig. Ich meine, wir haben die Beatsteaks gecovert.
Ennio: Ich denke, es war Panic.
Calvin: Stimmt, wir haben Panic von den Beatsteaks gespielt und hatten einfach eine wirklich gute Zeit und haben uns sehr gut verstanden. Er hatte einen wirklich miesen Verstärker, der nicht mal funktionierte, aber das war mir wirklich egal, denn ich hatte noch nie so viel Spaß beim Musikspielen. Also das ist passiert. Und dann, klar, wir reisten ab, ich kehrte nach Hause zurück, doch es fühlte sich so an, als wären wir noch nicht fertig. Einfach, weil wir uns so gut verstanden hatten. Also kam ich im Sommer für eine Woche zurück. Und das war, bevor er irgendetwas veröffentlich hatte. Er war noch nicht bei Tomatenplatten, nichts davon, aber wir spielten einfach eine Woche zusammen Musik. Ich hab seine ersten gemasterten Aufnahmen gehört, wenn ich jetzt darüber nachdenke – wie verrückt! Aber wir haben einfach gespielt und dann haben wir auch noch zufällig seinen Bassisten Cedric getroffen, als wir gerade im Proberaum gejammt haben. Er kam rein und es hatte sofort „Klick!“ gemacht, geboren war das „Power Trio“. Dann ging es zurück nach Hause und nun bin ich nach zwei Jahren wieder hier, zurück in Europa (lacht), um diese Shows mit ihm zu spielen. Unseren ersten gemeinsamen Auftritt hatten wir also am 5. Juni. Nun bleibe ich für die weiteren Auftritte bis zum 6. Juli, also spielen wir noch drei Konzerte zusammen und ich hoffe, dass ich beim nächsten Mal schneller zurück bin.
Das hört sich toll an, schön, gut. Eine „Bromance“.
Beide (lachen): Exakt! Absolut!

Ain't Ur Enn und Calvin Lundin

Wie war es bisher in Berlin? Was hast du so gemacht?
Hast du etwas Inspiration sammeln können oder genießt du einfach das Hier und Jetzt?

Ennio: Ich liebe Berlin, es ist mein fünftes Mal hier. Wir haben bereits im letzten Sommer in Berlin gespielt, aber dieses Mal fühlt es sich zum ersten Mal so an, als würde ich die Stadt richtig kennenlernen. Die Stadt inspiriert mich schon und wann immer wir in unserer Unterkunft sind, spiele ich etwas auf der Gitarre herum, einfach um zu sehen, ob sich da etwas Interessantes ergibt. Aber bisher gab es da nichts, doch ich habe das Gefühl, dass da etwas schlummert. Ich weiß, wenn Calvin erstmal weg ist und ich in einem Monat wieder in den Niederlanden bin, wo ich den Großteil von Languish geschrieben habe… Ich muss erstmal alles auf mich wirken lassen und das verarbeiten. Ich habe seit März kein Lied mehr geschrieben, was heißt – das ist übrigens sehr ungewöhnlich, dass ich solange keinen Song mehr geschrieben -, wenn ich zurück in den Niederlanden bin, dann schreibe ich ein Stück nach dem nächsten. Berlin wird wahrscheinlich ein großer Teil davon werden, denn wie schon gesagt, hier fühle ich viel und Emotionen sind ein großer Teil meiner Musik. Wenn ich in der richtigen Stimmung bin, dann kann ich diese Gefühle wieder abrufen und sie in Musik umwandeln. Berlin ist sehr wichtig für die Musik, die kommen wird. Vielleicht schon bald. Die Musik, die noch geschaffen werden muss und natürlich war das Konzert im Schokoladen absolut großartig.
Calvin: Sehr besonders.
Ennio: Deine Eltern waren auch da.
Calvin: Seit ich 13 war, war Berlin ein Ziel für mich. Ich wollte ein Konzert in Berlin spielen und nun ist es endlich passiert, mit dieser sehr besonderen Person und dieser besonderen Band. Also das war wirklich cool. Ich hatte nicht erwartet, dass überhaupt jemand auftaucht. In einer neuen Stadt weiß man das einfach nicht, aber es kamen Leute, wirklich cool und sie waren voll dabei. Wir haben mit einer wirklich tollen Band aus New York namens Tea Eater gespielt. Sie waren großartig, wirklich nette Leute. Und der Konzertort hat auch eine Geschichte, das war mir gar nicht so bewusst, was auch wirklich toll war. Aber wir hatten eine wirklich gute Zeit, als wir die Stadt erkundet haben, wir sind viel herumspaziert, um einfach auch viel zu sehen. Und ja man, wir gehen auch noch zu den Beatsteaks Jubiliäums-Shows am Freitag und Samstag, welche bestimmt super lustig werden, wir sind schon sehr aufgeregt. Aber ja, das ist eine wirklich tolle Stadt, ich bin sehr glücklich, dass wir hier sind.

Ennio: Ich möchte auch noch sagen, dass Kreuzberg fantastisch ist. Ich liebe es in Kreuzberg zu sein. Weil wir in Mitte sind, sind wir weit weg von Kreuzberg, aber wir gehen immer wieder dort hin, also beim nächsten Mal in Berlin werde ich definitiv einige Zeit in Kreuzberg verbringen.

Nach unserem halbstündigen Gespräch tingle ich noch einmal los, um uns Bier zu besorgen. Die beiden Freunde spielen sich in der Zwischenzeit schon einmal warm und gewinnen just zwei neue Fans, die ihnen in meiner Abwesenheit bereits gelauscht haben. Ich kann sie gut verstehen, denn die zwei Songs, die nun quasi nur für mich folgen, gehen gleich ins Ohr. Die Sonne scheint, das Bier ist kalt und ja, das ist Sommer. Der Weg nach Berlin, wie so oft, war er es wert.

Ain'tUr Enn mit Calvin Lundin und Renes Redekiste By Renes Redekiste

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