Renes Redekiste

Interviews & Polaroid-Fotografie

T-Bone: Femme fatale, Hammerschmidt und Regrets

Kommen wir zum zweiten Teil des Interviews (hier gibt es übrigens den Anfang) mit Timo Blunck, im Buch bekannt als T-Bone Schröder. Ist der Kaffee zu diesem Zeitpunkt bereits ausgetrunken? Dazu habe ich mir leider gar keine Notizen gemacht! Aber da wir uns eine ganze Weile unterhalten haben und das Aufnahmegerät eifrig mitgeschnitten hat, geht es informativ weiter. Und auch hier können wir wieder mit einem Video starten und zwar mit Louisiana Lonely. Der Dreh zu diesem Video wird im Buch Hatten Wir Nicht Mal Sex In den 80ern beschrieben und ist eine der Schlüsselszenen im Roman, da T-Bone hier Sophia kennenlernt. Also, Louisiana Lonely, let’s go!

Quelle: YouTube, Zimmermaenner

Beim Dreh dieses Videos hast du die Mutter deiner Kinder kennengelernt. Eine femme fatale!
Es gibt Frauen, die lassen einen nicht los. T-Bone kennt das, ich kenne das.
Wie löst man sich von so einer Frau?

Na ja, ich hatte nochmal extra Probleme mich von der zu trennen, weil ich eben diese Kinder mit ihr zusammen hatte. Das ist so komisch, ich habe eine All or Nothing-Ader, entweder ich bin ganz oder überhaupt nicht drin. Und mit Sondra, oder mit Sophia, war ich immer total drin, egal was die Umstände waren. Die hat sogar nochmal jemand anders geheiratet, aber ich war trotzdem immer noch ihr Mann. Aber ich habe dann irgendwann festgestellt, dass war auch hauptsächlich alles, weil wir die Kinder zusammen hatten und ich die Kinder immer vor ihr beschützen musste. Also irgendwann war ich einfach nur noch der Garant dafür, dass da nicht alles total … Ich meine, wenn du das Buch gelesen hast, die Frau ist einfach, wie sagt mein Freund Jakob immer: “Weißt du, die Frau ist der zweite Weltkrieg!” (da muss ich lachen) Die ist so eine wandelnde Katastrophe, die hört auch nicht auf, die macht immer weiter.
Aber sie lebt noch, oder? Ich war mir am Ende nämlich nicht ganz sicher.
Sie lebt noch. Ja, um mich am Ende von ihr zu trennen, musste ich sie erstmal in meinem Buch umbringen. Und ich habe sie ja nicht umgebracht, sie hat Selbstmord begangen, beziehungsweise, T-Bone ist ja sowas von bescheuert, dass er noch nicht mal sieht, dass sie sich einfach umgebracht hat. Sondern er denkt sich dann eine Geschichte drumherum aus. Ja, all or nothing. Und auf einmal, von einem Tag zum nächsten war alles vorbei. Sie hat sich ein Ding geleistet, das ist jetzt schon fünf Jahre her, wo auf einmal bei mir die Klappe dicht war. Ich kann es dir nicht sagen, was es war. Das lief auch so lange, weil die Söhne eben klein waren und ich mich kümmern musste und 2013 waren sie dann aus dem Gröbsten raus. Ich musste dann auch nicht mehr dauernd hin und musste auch nicht mehr bei ihr wohnen. Deshalb war das auch so eine ewige On-Off Beziehung. Weil wir eben eigentlich immer, wenn wir am gleichen Ort waren, wenn sie in Hamburg war, oder ich in Louisiana, wieder zusammen waren. Also die hatte auch schlimme Schwierigkeiten, sich von mir zu trennen. Und dann war das aber für mich, zack, war das von einem auf den anderen Tag vorbei. Es war der eine Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hatte. Ich kann dir aber nicht sagen, was es ist. Ich kann dir nur sagen, der Typ ist auch verewigt in dem Buch.
Es ist aber nicht DJ Opi, oder?
Doch!
Ach du Scheiße (wir müssen beide lachen)!
Wer die Geschichte kennt, weiß wer DJ Opi ist.
Aber was da so über ihn steht, schon ein kaputter Typ!
Ja, ein kaputter Typ, aber so schlimm ist er natürlich nicht. Ich finde nur die Idee so toll, ein Typ, der noch älter ist als Iggy Pop (Timo lacht auf)!

Etwas beenden. Das Buch endet mit dem Drogentod. Das liegt natürlich nahe, weil du dann auch aufgehört hast. Aber warum musste Schröder jetzt sterben?
Es geht ja auch ums Drama.
Den Tod fand ich aber gar nicht so dramatisch, der war ziemlich nüchtern, ach, ich hole mir noch was, ab die Post und weg!
Ja! Aber ich glaube auch, wenn man stirbt, oder wenn man sich auf diese Art das Leben nimmt, also unfreiwillig, dann begreift man auch nicht, was man da gerade macht. Da denkt man eben auch: “Ach, ist doch cool, alles toll, upps, jetzt bin ich tot.” Sonst würde man ja nicht weitermachen, bis man tot ist. Wenn man schon wissen würde, ok, jetzt kommt gleich am Schluss das dicke Ende. Dann höre ich lieber jetzt auf. Man macht ja fröhlich weiter. Das ist auch spektakulär, weil in dem Moment, in dem man das macht, man ertrinkt ja nicht (imitiert ein Japsen nach Luft), das passiert ja einfach, zack! Und insofern habe ich das mit Absicht so geschrieben. Ich finde, um so einer Geschichte ein Drama zu geben, muss da auch jemand sterben.

Vom Drogentod schwenkt Timo in den Schreibprozess des Buches

Und ich habe mein Buch ja nicht chronologisch erzählt. Es ist in dem Sinne auch nicht literarisch erzählt, wie man es gewöhnt ist. Es ist mehr wie eine Fernsehserie erzählt. Es ist eine 12-teilige Serie. Und in einer Serie gibt es ja auch Zeitsprünge und Rückblicke, und auch mal fast forward, so erzählt aber keiner in Deutschland. Das war auch das allererste, was der Verlag angemerkt hat: “Das ist ja gar nicht chronologisch erzählt.”
Man musste auch wirklich aufmerksam bleiben.
Ja, aber ich finde, das ist einfach modernes Storytelling. Und ich mag das gerne. Ich mag auch gerne schon was vorwegnehmen und das dann in der Mitte erklären. Zum Beispiel die Tatsache, dass er genau in der Mitte des Buches beschreibt, wie er Sophia schonmal trifft. Und dann sagt ja die Psychologin: “Dann hatten sie ja doch schon mal Sex in den 80ern.”
Oder das mit dem Tattoo, das kommt ja auch ganz am Anfang vor.
Genau! Du fängst eben an mit dem Tod und dann dräut es die ganze Zeit. Das macht es irgendwie viel spannender. Und das habe ich noch nicht mal absichtlich gemacht. Ich habe mich ja nicht hingesetzt und gesagt: “So, jetzt schreibe ich mal mein Buch und anschließend nehme ich es auseinander und setze es neu zusammen und dann ha ha!” Nein, ich habe schon gleich so gedacht und erzählt. Ich hatte die ganze Zeit bereits einen Plan im Kopf, wie es sein soll. Ich hatte diese 12 Kapitel, die ja auch Songs sind und das auch ursprünglich nur waren. Ich wusste immer schon, was da drin sein soll. Und die habe ich auch von vornherein so geordnet, weil es gibt nämlich einen Bogen in der Person, der ist aber nicht zeitlich. Es fängt an mit diesem sehr naiven Typen, er sagt ja auch selber: “Da mache ich mir erst später Gedanken drüber.” Und dann so langsam …, zum Schluss ist er so abgeklärt. Und das ist auch im Storytelling so. Am Anfang erzähle ich diese Geschichten noch aus Kinderaugen und später erzähle ich die Geschichten dann schon sehr viel wissender. Das heißt, diese Person hat einen Bogen gemacht. Aber die Ereignisse sind nicht chronologisch. Manchmal ist es so wie in Inception. Der Traum im Traum. Die Story, die erzählt wird, während eine Story erzählt wird. Die ganze Sequenz, in der ich in der Badewanne liege, in Las Vegas …

What happens in Vegas Cover

Wird hier erzählt!

Also weiter geht’s!

In Las Vegas und die Depeche Mode-Story erzähle, diese Geschichte erzähle ich meiner Psychologin. Ich erzähle der Psychologin die Las Vegas-Geschichte, in der Las Vegas-Geschichte erzähle ich die Depeche Mode-Geschichte und in der Depeche Mode-Geschichte erzähle ich den Freundinnen von Depeche Mode, wie wir an der Grenze aufgehalten worden sind. Und so eine Verschachtelung, das finde ich geil! Und das habe ich nicht erst geschrieben und dann zusammengebastelt. Das habe ich immer schon im Fluss geschrieben. So denke ich eben auch. Genauso wie ich Songs schreibe. Ich weiß immer schon jede Note vorher, ich sehe die im Kopf und dann versuche ich die einzufangen. Ich bin ein Konzeptionist. So habe ich das ganze Buch konzeptioniert und auch mein neues Buch geschrieben, vorher konzeptioniert. Das neue Buch ist anders aufgebaut. Es ist in sechs Akten aufgebaut. Und jeder Akt geht nur 48 Stunden, es ist immer der gleich Tag Mitte Juni, aber immer fünf Jahre später. Was in den fünf Jahren passiert, da wird gar nicht sonderlich drüber geschrieben. Das kriegt man schon so raus, die Charaktere gucken sich um. Und es endet 2050.

Quelle: YouTube, bureaub

Kommen wir zu Palais Schaumburg, Villa Hammerschmidt!
Im Spiegel Online-Interview hattest du gesagt, dass du wieder ausgestiegen bist, weil du keine Lust hast, nur die Musik von vor über 30 Jahren aufzuführen. Nun steht ihr am 2. Februar wieder auf der Bühne auf Kampnagel!
Aber, wir machen ein neues Album.
Okay, das wäre jetzt die Frage gewesen!
Weil ich finde, auf Tour zu gehen und ein Album Note für Note nachzuspielen, dazu habe ich keine Lust. Dazu habe ich auch immer noch keine Lust. Zu der Schaumburg-Zeit war das nämlich so. Und das finde ich eigentlich kreativ eine Bankrotterklärung. Das finde ich auch immer noch so. Ich habe das nämlich auch nicht in einem Atemzug mit Fehlfarben gesagt, weil Fehlfarben machen ja auch neue Platten (hier bezieht sich Timo auf das oben verlinkte Spiegel Online-Interview). Und vor allem, ich habe ja sogar das letzte Album von Fehlfarben gemischt. Und wir haben uns auch darüber unterhalten. Ich finde aber die Tatsache selbst, sowas zu machen, nicht sonderlich kreativ. Und dazu hatte ich zu dem Zeitpunkt keine Lust mit Palais Schaumburg. Weil Palais Schaumburg, ich habe es wirklich versucht wie ein Blöder, zusammen mit Ralf, dem Drummer, es einfach nicht hingekriegt hat, neue Stücke zu machen. Da habe ich gesagt, das interessiert mich nicht. Wenn wir wirklich immer nur eine Oldie-Band sind, dann habe ich kein Bock drauf. Zu dem Zeitpunkt habe ich aber selber auch nicht viel gemacht. Jetzt habe ich ein Buch geschrieben, habe gerade ein neues Buch geschrieben, habe eine Platte gemacht und noch eine ist fast fertig. Jetzt stört mich das nicht mehr so, weil ich nun selber so viel mache. Und hinzukommt, weil Thomas nicht mehr bei The Orb spielt und weil Holger irgendwie auch anders motiviert ist, dass wir jetzt tatsächlich was neues machen. Mal sehen, ob es fertig wird.
Aber es gibt einen Prozess?
Es gibt einen Prozess. Und das finde ich interessant. Weil das sind nach wie vor alles interessante Musiker, Musiker ist das falsche Wort. So Typen, auch alles Konzeptionisten. Weil da kann keiner wirklich was. Aber wir können alle unheimlich viel. Ich bin ja als Bassist eine Fehlbesetzung. Ich spiele meinen ganz eigenen Stil. Keine andere Band auf der Welt würde mich als Bassisten nehmen. Ich kann nur das, nur das kann ich gut. Das kann keiner sonst auf der ganzen Welt. Ich kann noch nicht mal bei Die Toten Hosen spielen, weil da muss ich Achtel spielen. Das schaffe ich einen Song! Bei Schaumburg gibt es einen Song, in dem ich Achtel spiele. Wenn ich das den ganzen Abend machen müsste, wie bei Die Toten Hosen, das kann ich gar nicht. Ich will dem das auch nicht nehmen, das ist ja auch ein Job. Aber das ist für mich zu sehr Handwerk. Oder auch physisch zu anstrengend.

Bist du Donaldist?
Ich bin halber Donaldist. Weil mein bester Freund ist Donaldist, nämlich Ewald, also Detlef Diederichsen. Also ich bin Donald Duck-Fan und ich kenne viel von Donald Duck und von Erika Fuchs. Aber, um sich Donaldist zu nennen, musst du viel, viel mehr wissen. Ich bin ja auch kein richtiger Trekkie, aber ich weiß schon ganz schön viel.

Machst du dich über Stuckrad-Barre lustig?
Ich habe Soloalbum gelesen, Panikherz habe ich angefangen zu lesen, habe ich aber nicht weiter verfolgt. Er kann schon ziemlich gut schreiben finde ich. Also finde ich wirklich. Ich finde es auch super, dass der erfolgreich ist. Und ich habe auch wirklich nichts gegen ihn. Ich habe ihn mal gesehen, da habe ich ein bisschen Angst gekriegt. Weil der völlig durch und krank aussah, so zombiemäßig. Da saß ich neben ihm, im George Hotel. Aber was ich eben nicht glaube, dass er geläutert ist. Das sage ich im Buch. Das glaube ich nicht. Der ist nicht geläutert. Der macht immer so weiter. Immer dieses groß angekündigte …
Es ist vorbei! Mein Heiland!
Das ist alles Bullshit! Das glaube ich nicht.

Star Wars oder Star Trek?
Ja, das kann ich dir nicht sagen. Also ich präferiere Star Trek. Aber ich mag auch Star Wars. Ich mag nicht eins bis drei, also die von Anfang der 2000er, obwohl ich sie mir auch angucke. Und ich bin jetzt kein Star Wars-Fan mehr seit dem letzten, dem achten. Der ist so kacke schlecht. Und ich bin der Meinung, dass der das ganze Star Wars-Universum zum Untergang gebracht hat. Weil Solo war schon ein Flop. Ich sag dir eins, das ist durch das Thema!
Hast du Solo gesehen?
Ja, das ist ein super Film! Der ist viel besser als Episode acht. Das war ein richtig geiler Star Wars-Film!

Vielleicht eine klassische Frage. Bereust du irgendwas?
Alles mögliche. Wo soll ich anfangen? Ich bereue auf jeden Fall, mich nicht früher aus dieser Beziehung gelöst zu haben. Und ich bereue auch, dass ich mich nicht früher um meinen Körper gekümmert habe. Ansonsten, das Problem mit dem Bereuen ist, das ist auch so eine völlig sinnlose Beschäftigung. Es bringt überhaupt nichts. Und vor allem verdirbt es einem das restliche Leben und das lasse ich nicht zu. Also insofern, im klassischen Sinne, bereuen? Noch nicht mal wirklich. Ich meine, diese Erfahrungen, die ich gemacht habe in meinem Leben. Ich habe auch nichts weggelassen. Dann sterbe ich irgendwann und hinterlasse eben vielleicht keine Billion. Aber ich habe unheimlich viel erlebt. Und will auch noch weiter was erleben. Vieles passiert ja einfach nur, weil ich irgendwas anderes will. Das sind ja auch viele Zufälle. Aber, das zuzulassen, so will ich weiterhin bleiben. Auf keinen Fall will ich die nächsten 20 Jahre immer nur noch mein Breichen essen und Mineralwasser ohne Kohlensäure trinken. Ich will auch noch weiter was erleben. Und das finde ich sind die Schätze, die man mit ins Grab nimmt.

Timo Blunck Schwarz Weiß Polaroid Studio Blut
Nochmal ein herzliches Danke Timo!

Text, Interview & Polaroid-Fotos: René Biernath
Instant Film-Cover Foto: Color, I-Type
Instant Film: Black & White, For Use With 600

Weiter Beitrag

Zurück Beitrag

Antworten

sechzehn + sechzehn =

Ich habe die Datenschutzhinweise zu Kenntnis genommen.

© 2019 Renes Redekiste

Thema von Anders Norén